Das Künstlerdorf Worpswede

Es gibt viele Weltstädte, aber nur ein Weltdorf: "Worpswede!", so Prof. Fritz Mackensen (* 8. April 1866 in Greene; † 12. Mai 1953 in Bremen), der Entdecker des Moordorfes für die Kunst.
Im Jahr 1889 ließ sich der Düsseldorfer Malschüler Fritz Mackensen in Worpswede nieder, das er vorher bei verschiedenen Besuchen kennengelernt hatte. Er wurde so zum Gründer der Künstlerkolonie. Otto Modersohn (* 22. Februar 1865 in Soest, Westfalen; † 10. März 1943 in Rotenburg, Wümme) und Hans am Ende (* 31. Dezember 1864 in Trier; † 9. Juli 1918 in Stettin), junge Malerkollegen, schlossen sich ihm an. Künstlerisches Einvernehmen, die Abkehr vom herkömmlichen Akademiebetrieb und die oft gemeinsam erlebte Naturverbundenheit gab der Gruppe der ersten Maler den ideellen Rückhalt. 1892 traten Fritz Overbeck (* 15. September 1869 in Bremen; † 8. Juni 1909 in Bröcken bei Vegesack) und Heinrich Vogeler (* 12. Dezember 1872 in Bremen; † 14. Juni 1942 im Kolchos Budjonny bei Kornejewka, Karaganda, Kasachische SSR) der Künstlervereinigung Worpswede bei.
Die gemeinschaftliche Arbeit vor einer noch als ursprünglich empfundenen Natur führte die ersten Maler zu einer nationalen Beachtung ihrer künstlerischen Leistung. Die große Resonanz der Maler 1895 im Münchener Glaspalast setzte einen Höhepunkt ihres Ruhmes, der den Namen Worpswede erstmals überregional bekannt machte.
Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Hans am Ende bezogen ihre Themen vorwiegend aus der Landschaft. Fritz Mackensen verschrieb sich mehr und mehr der Figur und nur im Werk Heinrich Vogelers fand Worpswede Beziehung zu der um 1900 anschwellenden und nach 1905 abklingenden Jugendstilbewegung. Im Ausklang des Jugendstils wandte sich der Maler, Graphiker, Designer und Illustrator Heinrich Vogeler malerisch an die Realität zurück.
In besonderer Weise weitete Heinrich Vogeler den kulturellen Radius von Worpswede. In dem von ihm umgebauten "Barkenhoff" zog er in Gesprächsrunden Künstler, Schriftsteller, Kulturpolitiker, Siedlungsfachleute zusammen, um durch praktische Vortragsbeispiele angewandte Lebensweisheit zu konturieren, gemeinsam zu konzertieren und über Gott und die Welt zu reden. Paula Modersohn-Becker (* 8. Februar 1876 in Dresden-Friedrichstadt als Minna Hermine Paula Becker; † 20. November 1907 in Worpswede) kam 1898 als Malschülerin Fritz Mackensens nach Worpswede. Sie schuf nach dem Misserfolg einer ersten Ausstellung ihr malerisches Werk im verborgenen. Ungeachtet der Worpsweder orientierte sie sich zunehmend an der Malerei der Franzosen, vor allem Cèzannes. Sie formte bis zu ihrem frühen Tod 1907 einen malerischen Stil, der in der ungekünstelten Nähe zum Menschen einen souveränen Ausdruck gewann und langfristig alles in Worpswede Geschaffene mit Rang übertrifft. Als Schlüsselwerke der Moderne werben die Bilder der Paula Modersohn-Becker heute nachhaltig bis in unsere Zeit für Worpswede.
In zweiter Generation blieb die Worpsweder Kunst weitgehend der eigenen Tradition verbunden. Untypisch und ohne Bezug zur Worpsweder Vergangenheit schuf der Bildhauer Bernhard Hoetger (* 4. Mai 1874 in Hörde (heute ein Dortmunder Stadtteil); † 18. Juli 1949 in Interlaken) in den 1920er Jahren sein figürliches werk, zu welchem nur wenige Gemälde zu zählen sind, dafür prägen aber seine Gebäude das Ortsbild Worpswedes entscheidend mit. Als Reaktion auf den ersten Weltkrieg wandelte sich sein Stil vom monumentalen, glatten zum aufgerissenen, expressiven. Es entstanden reliefartige Außenmauern - wie beim Cafe Worpswede, in denen stark gesinterte Steine erhaben integriert wurden und in Korrespondenz zu den naturbelassenen Fachwerkbalken traten.

Während des Zweiten Weltkrieges bot Worpswede Zuflucht für verfolgte oder heimatlos gewordene Künstler, wie z.B. für den Surrealisten Richard Oelze    (* 29. Juni 1900 in Magdeburg; † 27. Mai 1980 in Gut Posteholz bei Hameln) .
Zu den Künstlern einer dritten, in den 1990ern in vollem Schaffen stehenden Worpsweder Generation  zählen Fritz Meckseper, Pit Morell, Ulrich Conrad, Frauke Migge, Waldemar Otto (* 30. März 1929 in Petrikau, Polen; † 8. Mai 2020 in Worpswede, Deutschland), Jens Petersen, Fritz Dressler und viele andere Maler, Graphiker, Bildhauer und Fotografen.
So wurde Worpswede im Laufe der Jahre nicht nur ein Museum seiner selbst. Viele Künstler kommen nach Worpswede. Als lebendige Künstlerkolonie gilt Worpswede nach purer Statistik heute mehr denn je: 1980: Etwa 150 Maler, Bildhauer, Glasbläser, Töpfer, Goldschmiede, Weber, Musiker, Schriftsteller, Dichter, Schauspieler leben heute in Worpswede.

Waldemar Otto war einer der international bekanntesten Bildhauer der gegenständlichen Kunst. Er starb im Alter von 91 Jahren in Worpswede. Otto lebte und arbeitete seit den 1970er Jahren in Worpswede. Als erstem zeitgenössischen Künstler aus Deutschland wurde ihm nach der Wende in der St. Petersburger Eremitage eine eigene Ausstellung gewidmet.
Eines seiner Werke ist das 2015 aufgestellte Bronze-Relief für Matthias Claudius auf dem Historischen Friedhof Wandsbek an der Christuskirche (Hamburg-Wandsbek). Es nimmt Bezug zum Gedicht Der Mond ist aufgegangen .


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