Gegen das Vergessen - KZ Neuengamme

Ein Denkmal des Grauens befindet sich  in der Nähe von Bergedorf in den Vierlanden  

Das Mahnmal, das den Schornstein des Krematoriums symbolisieren soll, befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Lagergärtnerei. Hier vergrub die SS einen Teil der Asche der verbrannten Leichen. Auf dieser Ruhestätte der KZ-Opfer errichtete im Jahr 1965 die Freie und Hansestadt Hamburg auf Anregung der "Amicale Internationale" die Gedenkanlage. 1981 wurde diese um ein Dokumentenhaus mit einer ständigen Ausstellung erweitert, das 1995 zu einem Haus des Gedenkens, in dem die Namen der Opfer bewahrt sind, umgestaltet wurde.
Mit KZ-Opfer sind Menschen gemeint, die in Konzentrationslagern gelitten haben oder gestorben sind. 
Diese Lager sind nicht während der Zeit des Nationalsozialismus erfunden worden. Als Konzentrationslager wurden im Deutschen Reich, soweit heute bekannt, erstmals im März 1915 Internierungslager der zum Kruppkonzern gehörenden Friedrich-Albrecht-Hütte für polnische Arbeiter in Barmen und Elberfeld bezeichnet. 


Mahnmal NeuengammeMahnmal

Diesem ersten folgten zahlreiche Internierungslager und provisorische Gefängnisse für deportierte Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und politische „Schutzhäftlinge“ im Ersten Weltkrieg und in der frühen Nachkriegszeit. Im Zuge der angestrebten massenhaften Ausweisung von „Ostjuden“, zumeist Migranten, die vor antisemitischer Verfolgung aus Osteuropa in das vermeintlich sichere  Deutsche Reich geflohen waren, ließ die bayerische Regierung 1920 in Ingolstadt und die preußische Regierung 1921 in Cottbus-Sielow und in Stargard in Pommern jeweils ein „Konzentrationslager“ einrichten. Dort wurden zur Abschiebung vorgesehene „Ostjuden“ interniert. Nach der Industrie als erstem Ideengeber war es als Land also Bayern.

Skulptur NeuengammeSkulptur

Was passierte hier in Hamburg? 
Das Konzentrationslager (KZ) Neuengamme in Hamburg-Neuengamme wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen errichtet und ab 1940 als selbständiges Konzentrationslager mit mindestens 86 Außenlagern geführt. Diese erstreckten sich bis an die dänische Grenze zum Beispiel bei Ladelund. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit für die auf dem Gelände befindliche SS-eigene Ziegelei, in der Rüstungsindustrie und beim Bau militärischer Anlagen (Friesenwall) leisten.
1938 nahm dazu das SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH  Kaufverhandlungen mit der Stadt Hamburg über ein 50 Hektar großes Gelände in Neuengamme auf.  Hier befand sich ja schon eine seit Jahren stillgelegte Ziegelei und Flächen, die sich zum Abbau von Ton eigneten.
Heinrich Himmler besichtigte die Anlage im Januar 1940. Für ihn bestand die Hauptaufgabe der Einrichtung ab jetzt in der Produktion von Ziegeln für die Führerbauten am Elbufer. Größenwahnsinnige Pläne wie die Elbwarte und weitere Bauten sollten mit Leben erfüllt werden. Es sollte daraufhin eine größere Ziegelei auf dem Gelände, ein Bahnanschluss, ein Stichkanal zur Doven Elbe, die Dove Elbe flussabwärts verbreitert und ein neues Hafenbecken gebaut werden.
Dass es sich in Neuengamme um  unfassbare Verbrechen handeln musste zeigen auch recht früh die deutlichen  Verletzungen von Bestimmungen der Haager Konvention. Im Oktober 1941 wurden zusätzlich fast 1.000 sowjetische Kriegsgefangene in das KZ eingeliefert.

Gegen das Vergessen - KZ Neuengamme

Diese wurden in einer separaten und überfüllten Baracke isoliert. Diese sowjetischen Kriegsgefangenen wurden hauptsächlich durch Verhungern ums Leben gebracht. Zuvor wurden 43 sowjetische Offiziere, die aus einem Kriegsgefangenenlager in der Lüneburger Heide hierher überstellt wurden, in der Nacht ihrer Ankunft im August 1941 an der Kläranlage erschossen .

Besondere Grausamkeit: Unvorstellbar. Bunker.
Das Arrestgebäude, in der Lagersprache "Bunker" genannt, enthielt fünf Einzelzellen zur Vollstreckung besonderer Lagerstrafen, z.B. Dunkelarrest.

Bunker im KZ NeuengammeBunker im KZ Neuengamme

Ab 1942 wurden im Gang immer häufiger Häftlinge erhängt. Außerdem brachte die Gestapo Hunderte Menschen zur Hinrichtung hierher. Im Herbst 1942 tötete die SS im Arrestbunker zweimal sowjetische Kriegsgefangene mit dem Giftgas Zyklon B; Ende September 197 und Ende November 251 Personen. Bei der zweiten Mordaktion handelte es sich überwiegend um Kriegsversehrte. Noch kurz vor der Lagerräumung, in den Nächten vom 21. bis 24. April 1945, tötete die SS hier 71 Männer und Frauen aus dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel.
Nach 1945 diente das Gebäude weiter als Arrest. 1950 wurde es abgerissen.

Menschenunwürdig: Die Organisation der Transporte
Zur Verbesserung der Transportmöglichkeiten ließ die SS einen Bahnanschluss errichten. Mit dem Gleisbau wurde im März 1942 begonnen. Nachdem entlang des Sammelgrabens eine 1,7 km lange Abzweigung von der Vierländer Bahn fertiggestellt war, erfolgte im Winter 1942/43 der Bau eines doppelten Nebengleises innerhalb des Lagergeländes.

Transporte NeuengammeTransportwaggon

Die Gleisanlagen wurden seit Anfang 1943 von den Firmen genutzt, die im KZ Neuengamme Betriebe errichtet hatten. Zugleich diente der Bahnanschluss dem Transport von Häftlingen., die in stark steigender Zahl aus den besetzten Ländern Europas in Güterwaggons unter unmenschlichen Strapazen herbeigeschafft wurden. Auch Transporte von anderen Konzentrationslagern und in die Außenlager wurden mit der Bahn vorgenommen. 
Die Aufstellung des historischen Güterwaggons am Platz des ehemaligen Lagerbahnhofes und die Teilrekonstruktion der Gleistrasse erfolgte 1994 im Rahmen eines internationalen Jugendworkcamps.
Die in den Raummaßen des Waggons gegossene Zementfläche mit den Fußabdrücken dient der Veranschaulichung der Enge, die während der Transporte herrschte.
Überlebende Häftlinge berichteten, dass bei manchen Transporten die Waggons mit 80 und mehr Personen belegt waren. Sie mussten dort oft viele Tage lang im Stehen oder kauernd verbringen. 

historischer Güterwaggonhistorischer Güterwaggon

Von den bis 1945 hier gefangen gehaltenen ca. 100.000 Häftlingen aus Deutschland (9 %) und den besetzten Ländern (91 %) starben mindestens 50.000 in der Folge der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, durch Morde (so wurden etwa 1942 bei zwei Mordaktionen sowjetische Kriegsgefangene mit dem Gas Zyklon B getötet) und als Opfer der Lagerräumungen.
Anfang des Jahres 1945 waren für das Gesamtlager etwa 49.000 Häftlinge registriert, der Anteil an Frauen betrug dabei etwa 10.000. Alleine das Stammlager war mit 12.000 Häftlingen rund dreifach überbelegt. Betrieben wurde das Gesamtlager Neuengamme von 2.211 SS-Angehörigen. Einschließlich der Außenlager wurden von Januar 1945 bis zur Räumung des Lagers mindestens 9000 Tote registriert.
Graf Folke Bernadotte damals noch Vizepräsident des Schwedischen Roten Kreuzes, ließ alle skandinavischen Gefangenen in Neuengamme sammeln und mit der Rückführung in die Heimat ab dem 15. März 1945 beginnen. Am 24. März 1945 begannen Kommandos der SS mit der Räumung der Außenlager. Schätzungsweise 20.000 Häftlinge wurden in Auffanglager wie Bergen-Belsen, Stammlager z. B. in Sandbostel oder Wöbbelin gebracht. Auch dabei verhungerten viele Tausend Häftlinge.
Unter anderem ging es später um die Geschichte der "Weissen Busse" der Rotkreuz-Bewegung. Bernadotte verhandelte in seiner Funktion im Jahr 1945 mit Heinrich Himmler erfolgreich über die Zusammenführung und Freilassung der skandinavischen KZ-Häftlinge. Zusätzlich zu ca. 8.000 Häftlingen skandinavischer Herkunft wurden im Rahmen dieser Mission etwa 10.000 bis 12.000 Häftlinge anderer Nationalität vor allem aus Ravensbrück und Theresienstadt zunächst hier gesammelt und später nach Schweden überführt. Durchgeführt wurde diese Aktion kurz vor Kriegsende von ca. 250 Helfern des Schwedischen Roten Kreuzes.

Wie viele Lager oder Außenlager gab es eigentlich?
Eine entsprechende Auflistung wurde 1977 und 1982 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. 
Insgesamt gab es offenbar unter der Inspektion der Konzentrationslager 24 KZ-Stammlager, denen zuletzt weit über 1.000 Außenlager, zum Teil unter der Bezeichnung „Außenkommando, -lager, Nebenlager“, organisatorisch unterstellt waren. 
In den Folgejahren wurden weitere Haftstätten, die in der Aufstellung noch fehlten, nach den gesetzlichen Vorgaben ebenfalls als Lager eingestuft, so dass die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ von insgesamt 3.846 Lagern ausgeht. Experten des Holocaust Memorial Museums in Washington berechneten insgesamt rund 42.500 NS-Lager, einschließlich Außen-, Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlager, sogenannte Ghettos und Judenhäuser, Zwangsbordelle sowie Heime für Euthanasieopfer.

Die SS begann ab dem 20. April 1945, das KZ Neuengamme aufzulösen. Bei diesen Todesmärschen unmittelbar vor Kriegsende in Richtung Ostsee starben viele der völlig entkräfteten Häftlinge. Es kam zum Drama in der Bucht vor Neustadt (Holstein).
Am 3. Mai 1945 verloren dort annähernd 7.000 Häftlinge durch die Bombardierung der Cap Arcona und der Thielbek in der Lübecker Bucht ihr Leben. 
Am 8. April 1945 bombardierte das britische Militär einen Häftlingszug, wobei rund 2.000 Gefangene ums Leben kamen.
Am 19. April 1945 erließ die Hauptverwaltung die Anordnung zur Räumung des Hauptlagers. Es folgte der Abtransport von 20 jüdischen Kindern zur Ermordung in der Schule Bullenhuser Damm in Hamburg-Rothenburgsort.
Am 4. Mai 1945 fanden britische Truppen das Konzentrationslager geräumt vor.
Bis 2003 wurden noch Teile des Areals als Gefängnis genutzt.  
Eine Dokumentationsstätte wurde 2005 errichtet. 60 Jahre nach der Befreiung im Mai 2005 wurde am historischen Ort eine Dokumentationsstätte mit mehreren Dauerausstellungen und einem Studienzentrum eröffnet. 
Der Zugang befindet sich ca. einen Kilometer entfernt vom Mahnmal. Das Gelände und die Ausstellungen sind bis auf wenige Ausnahmen täglich geöffnet. Mehrere mit Informationstafeln versehene Rundwege zu den noch erhaltenen Gebäuden und Anlagen des KZ Neuengamme können auch außerhalb der Öffnungszeiten begangen werden. 

Wer war Jean Dolidier?
Ein überlebender Häftling des KZ Neuengamme war Jean-Aimé Dolidier (* 30. April 1906; † 1971) ein französischer Gewerkschafter. 
Dolidier war Gründungsmitglied und Präsident der Amicale Internationale de Neuengamme. Die Amicales waren Häftlingsvereinigungen, die sich als Komitee unter dem Namen des jeweiligen Konzentrationslagers auch an vielen anderen Orten ab 1945 bildeten. Dolidier gehörte auch der Denkmalskommission an, die 1953 die Aufstellung einer ersten Gedenksäule initiierte und damit den Grundstein für die spätere KZ-Gedenkstätte Neuengamme legte. Sie wurde auf dem Gelände der ehemaligen Lagergärtnerei platziert, auf dem die SS die Asche der im Krematorium Verbrannten als Dünger verstreuen ließ. 

KZ Neuengamme  Adresse: Jean-Dolidier-Weg 75, 21039 Hamburg

 

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