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Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) - Über 100 Jahre schon im täglichen Einsatz für eine gerechte Gesellschaft

Die Arbeiterwohlfahrt nimmt mit ehren- und hauptamtlichen MitstreiterInnen aktiv auf die Gestaltung sozialer Politik Einfluss und setzt sich tagtäglich aufs Neue für eine gerechte Gesellschaft ein.

In ihrer schleswig-holsteinischen Festschrift zum 100jährigen berichtet man von den Werten und dem Werdegang bis heute:

1904 gründen Sozialdemokratische Frauen eine Kinderschutzkommission, beteiligen sich an der Kriegswohlfahrtspflege, Flüchtlingsbetreuung und richten Nähstuben und Volksküchen ein.
Das Deutsche Reich  war 1919 nach dem Ersten Weltkrieg zerstört, politisch instabil und wirtschaftlich ruiniert. Millionen Menschen waren in extremer Not und hungerten. Die Armenpflege war zwar Aufgabe der Gemeinden, doch hatten diese große Schwierigkeiten, die Massenfürsorge zu bewältigen.
Die Frauen und Männer, die 1919 mit so schlichten, aber umso praktischeren Dingen wie Suppenküchen und Kleiderkammern anfingen, Sozialgeschichte zu schreiben taten dies mit einer Vision. Die Vision damals wie heute war es, eine Gesellschaft zu schaffen, die von Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit geprägt ist. Diese fünf Grundwerte der AWO haben das Jahrhundert und viele Veränderungen überdauert.

Solidarität bedeutet, über Rechtsverpflichtungen hinaus durch praktisches Handeln füreinander einzustehen. Das friedliche Miteinander ist nur dann möglich, wenn das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes von der Politik umgesetzt wird, wenn Menschen füreinander eintreten und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer überwinden. Wer in Not gerät, kann sich auf die Solidarität der AWO verlassen.

Toleranz bedeutet nicht nur, andere Denk- und Verhaltensweisen zu dulden, sondern auch, sich dafür einzusetzen, dass alle Mitmenschen und besonders Minderheiten sich frei äußern können, in ihrer Religion und Weltanschauung nicht eingeschränkt werden und so leben können, wie sie es für angemessen halten. Toleranz endet dort, wo sie Gefahr läuft, missachtet und missbraucht zu werden. Solchen Gefahren stellt sich die AWO entgegen.

Freiheit ist die Freiheit eines jeden, auch des Andersdenkenden. Freiheit bedeutet, frei zu sein von entwürdigenden Abhängigkeiten, von Not und Furcht. Freiheit bedeutet, die Möglichkeit zu haben, individuelle Fähigkeiten zu entfalten und an der Entwicklung eines demokratischen, sozial gerechten Gemeinwesens mitzuwirken. Nur wer sich sozial gesichert weiß, kann die Chancen der Freiheit nutzen.

Gleichheit gründet in der gleichen Würde aller Menschen. Sie verlangt gleiche Rechte vor dem Gesetz, gleiche Chancen, am politischen und sozialen Geschehen teilzunehmen, das Recht auf soziale Sicherung und die gesellschaftliche Gleichstellung von Frau und Mann.

Gerechtigkeit fordert einen Ausgleich in der Verteilung von Arbeit und Einkommen, Eigentum und Macht, aber auch im Zugang zu Bildung, Ausbildung und Kultur.

Briefmarke Marie JuchaczBriefmarke Marie Juchacz


Es war dann die Sozialdemokratin Marie Juchacz (* 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe; † 28. Januar 1956 in Düsseldorf). Nach der Einführung des passiven Wahlrechts hielt sie am 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung als erste Frau eine Rede. Am 13. Dezember 1919 gründete sie die AWO in Berlin indem sie den "Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt" innerhalb der SPD ins Leben rief. Ziel war es, die unterdrückende Armenpflege des alten Kaiserregimes abzulösen und die Idee der Selbsthilfe und Solidarität in eine moderne Wohlfahrtspflege hineinzutragen. "Arbeiterwohlfahrt, eine Wohlfahrt nur für Arbeiter? Nein! Eine Wohlfahrtspflege, ausgeübt durch die Arbeiterschaft" erklärte Marie Juchacz.

In den 1920er-Jahren entstanden viele Einrichtungen und Dienste der Arbeiterwohlfahrt, z.B. Nähstuben, Mittagstische, Werkstätten, Kinder- und Müttererholungsfürsorge oder Beratungsstellen.
1923 wurde der Bezirksausschuss der Arbeiterwohlfahrt in Schleswig-Holstein gegründet, an die hiesige Spitze setzte man Louise Schröder  (* 2. April 1887 in Altona; † 4. Juni 1957 in West-Berlin). 

Briefmarke Louise SchröderBriefmarke Louise Schröder

1925 hat der AWO-Bezirksausschuss Schleswig-Holstein nun sechs Kreisausschüsse und 45 Ortsvereine. 1926 wird die Arbeiterwohlfahrt als Reichsspitzenverband der Wohlfahrtspflege anerkannt. Ein wichtiges Anliegen war die Qualifizierung von Personal für soziale Berufe: Ab 1928 unterhielt die AWO eine eigene Wohlfahrtsschule in Berlin.
Das erste selbstverwaltete Sommerlager für Arbeiterkinder, die Kinderrepublik Seekamp, findet 1927 in Kiel statt. In Kiel findet außerdem die AWO-Reichskonferenz statt.

Die AWO Schleswig-Holstein hat bis 1933 mittlerweile elf Kreisausschüsse und 89 Ortsausschüsse mit 46 Nähstuben, 42 Beratungsstellen und 1.700 Helferinnen und Helfer.
Deutschlandweit hat die AWO jetzt 135.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in der Kindererholung, im Kinderschutz, in der Altenbetreuung und Jugendhilfe, in Notstandsküchen und Werkstätten für Behinderte und Erwerbslose sowie in Selbsthilfenähstuben. Die AWO wurde zur Helferorganisation für alle sozial bedürftigen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer Konfession.

Fahrzeug der AWO HamburgFahrzeug der AWO Hamburg Arbeiterwohlfahrt Foto: GeorgHH, Public domain, via Wikimedia Commons

1930 wurde Lotte Lemke  (* 28. Januar 1903 in Königsberg; † 19. April 1988 in Bonn) aufgrund ihres gezeigten Organisationstalents vom Parteiausschuss der SPD zur Geschäftsführerin berufen. 
Im Juni 1933 kommt es zum Verbot und der Auflösung der AWO nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Das Vermögen wurde beschlagnahmt. Führende Frauen und Männer der AWO wurden verhaftet und verfolgt oder verließen wie Marie Juchacz Deutschland.  Lotte Lemke war in Deutschland geblieben arbeitete aber im Untergrund weiter und wurde für einige Wochen durch die Gestapo verhaftet und bedrängt.

Am 21. Oktober 1945 kommt es zur Gründung der "Deutschen Hilfsgemeinschaft als Wohlfahrtsausschuss der Britischen Zone." Schleswig-Holstein war damals das größte Flüchtlingsland nach Niedersachsen, es herrschte Wohnungsnot und ein Mangel an Lebensmitteln sowie Bekleidung. Die gesundheitliche Lage vieler Menschen war besorgniserregend und die Kriminalitätsrate hoch.

Die Gründung eines provisorischen AWO Bezirksausschusses für Schleswig-Holstein erfolgte im Dezember 1945. Vorsitzende wurde die Kieler Sozialdemokratin Gertrud Völcker  (* 27. Oktober 1896 in Hamburg; † 16. April 1979 in Kiel). Heute ist das AWO Mutter-Kind-Kurhaus in Kellenhusen nach ihr benannt.

In Hannover wird der Bundesverband der AWO 1946 als parteipolitisch und konfessionell unabhängige und selbständige Organisation wiedergegründet und ist damit nicht mehr Teil der SPD.
Die Ortsvereine nahmen ihre Arbeit wieder auf. Helfer und Helferinnen kümmerten sich um Flüchtlinge, Heimkehrer, Alte und Einsame und um junge Menschen, die Heimat und Eltern verloren hatten. Kinder- und Jugenderholungsmaßnahmen wurden wieder angeboten; nach alter Tradition wurden Nähstuben, aber auch Einrichtungen der Hauswirtschaft und Mütterbildung angeboten.
Nach 1946 gehörte Louise Schroeder zu den Wiedergründerinnen der AWO und war ihre Bundesvorsitzende. Louise Schröder war von 1946 bis 1957 Oberbürgermeisterin und Bürgermeisterin von Berlin. Ganz besonders lag ihr der Schutz von Müttern und Kindern am Herzen. Nach ihr ist heute das "Louise-Schroeder-Haus" der AWO auf Sylt benannt - in den 1950er-Jahren eines der ersten Müttergenesungsheime. Seit den 1970er-Jahren werden hier Mutter-Kind-Kuren angeboten.

2018 wurde die AWO bundesweit getragen von 317.767 Mitgliedern, 73.753 ehrenamtlichen Mitarbeitenden (Helfern) und 230.873 hauptamtlichen Mitarbeitern. Die AWO unterhält in allen Bundesländern über 18.000 Einrichtungen und Dienste/Dienstleistungen, darunter ist sie z.B. 
Trägerin von über 2.100 Heimen, wie:

Altenheime, Altenpflegeheime, Altenwohnheime, Tagespflegeheime
Heime/Wohngemeinschaften für Behinderte/psychisch Kranke
Wohnheime für Aussiedler und Ausländer
Heime/Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche
Aus-, Fort- und Weiterbildungsstätten
Einrichtungen der Gesundheitshilfe wie z. B. Erholungs- und Kurheime
Frauenhäuser

Barbarossaprivileg



 

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