Lustspiele, Schwänke, Komödien auch auf platt im Ohnsorg-Theater

Aus einer kleinen Anzeige wurde diese großartige Sache:
Der Namenspatron des Theaters, Richard Ohnsorg, und seine Theater begeisterten Freunde  konnten nicht ahnen, dass aus einer kleinen Anzeige im „Hamburgischen Correspondenten“ mehr als ein Jahrhundert später eine hoch professionelle Bühne mit über hundert Mitarbeitern, rund 160.000 Zuschauern pro Spielzeit und einem Millionenetat werden sollte.
Richard Ohnsorg (* 3. Mai 1876 in Hamburg;, Stadtteil St. Georg † 11. Mai 1947 ebenda) hatte schon während der Schulzeit im Johanneum seine Leidenschaft für den Schauspielberuf entdeckt, bestand hier 1896 das Abitur und wurde aber nach seiner Studienzeit zunächst von 1931 an Oberbibliothekar der Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen. 
Nach einigen Gesprächen mit Gleichgesinnten war es dann Ende 1902 soweit. Ein Aufruf erschien im "Hamburger Fremdenblatt“ und im „Hamburgischen Correspondenten“. Der hatte den Wortlaut:
"Eine zu gründende Theater- und Gesellschaftsvereinigung, die beabsichtigt unter fachkundiger Leitung erstklassige Werke in möglichster Vollendung aufzuführen, sucht noch feingebildete Damen und Herren aus angesehenen Kreisen als tätige oder passive Mitglieder.“
Allgemein gilt dies als Geburtsstunde des späteren Ohnsorg-Theaters.

Ohnsorg-TheaterOhnsorg-Theater am Heidi-Kabel-Platz Hamburg

Es musste jedoch noch einige Zeit für Vorbereitungen ins Land gehen, bevor sich das erste Mal der Vorhang hob. Am 2. Oktober 1909 führte die „Gesellschaft für dramatische Kunst“ ihr erstes plattdeutsches Theaterstück auf.

Richard Ohnsorg übernahm 1910 den Vorsitz der „Gesellschaft für dramatische Kunst“ und verfolgte energisch sein Ziel, überwiegend plattdeutsche Stücke aufzuführen. Ein wichtiger Stückeschreiber wurde für ihn Johann Kinau, der unter seinem Künstlernamen Gorch Fock
schrieb. 
Im Oktober 1912 spielte Aline Bußmann (verheiratete Hager; * 17. Februar 1889 in Hamburg; † 4. Juli 1968 ebenda) die Frauenrolle im Einakter Doggerbank von eben diesem Schriftsteller Gorch Fock. Sie erfuhr so viel Lob, dass sie zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der späteren „Niederdeutschen Bühne“ aufsteigen sollte.
Am 31. Mai 1916 fiel Gorch Fock in der Seeschlacht vor dem Skagerrak an Bord des "Kleinen Kreuzers SMS Wiesbaden“. Wenige Wochen später führte die Ohnsorg-Truppe im Hamburger Thalia-Theater zu Ehren des toten Dichters „Cili Cohrs“ und erstmals seinen Schwank „De Keunigin von Honululu“ auf. 
Um 1930 herum zählt man zum Ensemble um die vierzig Mitglieder, zu denen neben Richard Ohnsorg und Bruno Peyn so bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler wie Aline Bußmann, Magda Bäumken, Käthe Alwing, Eri Neumann, Hannah Ullrich, Hans Mahler, Rudolf Beiswanger, Hans Langmaack, Dr. Hartwig Sievers, Arnold Risch, Leo Hoger, Otto Lüthje und Walter  Bullerdiek gehörten.
Hans Mahler (* 15. August 1900 in Hamburg-Rothenburgsort; † 25. März 1970 in Hamburg) war ab 1949 dann als Nachfolger von Rudolf Beiswanger Intendant hier. Aus seiner im Jahr 1937 geschlossenen Ehe mit Heidi Kabel gingen zwei Söhne (* 1938 und * 1942) sowie Heidi Mahler (* 1944) hervor.

Otto Lüzhje, eigentlich Realschullehrer spielte  zunächst nur kleinere Rollen. Mal den ersten Bauern, ein anderes Mal den zweiten Soldaten, wie er es selbst manchmal nannte. Richard Ohnsorg erkannte Lüthjes komödiantisches Talent, und ab dieser Zeit verkörperte Otto häufig komische Liebhaber. Den ernsthaften Liebhaberrollen ging er, wenn möglich, aus dem Weg. 

Mit Eva Stolze und Heidi Kabel begann ein neues Kapitel für das Theater. Beide tauchten im März 1932 auf der Probebühne am Schopenstehl auf, aus Heidi wurde später das "Hamburger Original".
Nach dem Kriegsende wurde es noch einmal heftig. Magda Bäumken, Otto Lüthje sowie Heidi Kabel und Hans Mahler wurden entlassen, aber gehörten nach der Prüfung durch die Besatzungsmacht wieder zum Ensemble. Am 6. Oktober 1945 kam wieder eine junge Hamburger Deern zum Ensemble: Hilde Sicks. Richard Ohnsorg spielte im Frühsommer 1946 noch einmal seine Lieblingsrolle, die des Hein Dickback in „Straatenmusik“. Er starb am 11. Mai 1947.
Nun übernahm Hans Mahler 1949 die Leitung des Hauses. Der Bruder des Schauspielers Carl Voscherau, Walter Voscherau, lenkte die Geschicke als Geschäftsführer: Um Verwechslungen vorzubeugen änderte er seinen Namen und wurde auf der Bühne als Walter Scherau zum Publikums-Liebling. Walter Scherau, eigentlich Walter Voscherau (* 10. Januar 1903 in Hamburg; † 12. Mai 1962 ebenda) war übrigens auch der Onkel des späteren Hamburger Bürgermeisters Henning Voscherau.
Auf dem Spielplan standen zunächst bewährte plattdeutsche Komödien. Der Erfolgsautor Fritz Wempner bescherte dem Theater mit Stücken wie „Petrus gifft Urlaub“ oder „De vergnöögte Tankstell“ große Erfolge, doch auch Nachwuchsautoren wie Jens Exler konnte Mahler mit Erfolg an sein Theater binden. Aus Exlers Feder stammt u. a. der bis heute bekannteste Ohnsorg-Klassiker „Tratsch op de Trepp (Tratsch im Treppenhaus)“.
Wilfried Wroost wurde einer der produktivsten Schreiber dieser Zeit. Seine Komödien „Dat Herrschaftskind“, „Een Mann mit Charakter (Ein Mann mit Charakter)“ oder „Wenn man Meyer heet“ passten ideal in den Spielplan.  Mit der ersten Fernsehübertragung am 13.März 1954 wurde das Ohnsorg-Theater schlagartig in Deutschland bekannt; „Seine Majestät Gustav Krause“ flimmerte über die Mattscheiben.
Dann spielte der Zufall erneut wieder eine Rolle. Im März 1958 sollte das Stück „Meister Anecker“ von August Lähn unter der Regie von Walter Scherau mit Jochen Schenck in der Titelrolle und Otto Lüthje in der Rolle des Schustergesellen Matten aufgeführt werden. Otto Lüthje erkrankte kurz vor der Premiere und das Theater holte Henry Vahl als Ersatz. Der hatte sich schon einen gewissen Namen in Friedrich Schütters Jungem Theater (dem heutigen Ernst-Deutsch-Theater) als Volksschauspieler gemacht. Seine Schwester Lissy war außerdem die Mutter von Edgar Bessen, der 1960 zum Ensemble kam.

Neben den altbewährten Schauspielern und Schauspielerinnen wie Otto Lüthje, Heidi Kabel, Jochen Schenck und Hilde Sicks kamen nach und nach weitere Publikumslieblinge wie Christa Wehling, Karl-Heinz Kreienbaum, Erna Raupach-Petersen, Ernst Grabbe, Gisela Wessel, Herma Koehn, Werner Riepel, Hanno Thurau, Heini Kaufeld, Heinz Lanker, Rolf Bohnsack sowie das Dauer-Liebespaar Heidi Mahler und eben Edgar Bessen hinzu.

Der bis dahin erfolgreichste Theaterleiter Hans Mahler verstarb am 25. März 1970 plötzlich. Zunächst übernahmen Jochen Schenck, Karl-Heinz Kreienbaum und Günter Siegmund die Leitung, bevor Günter Siegmund zum neuen Intendanten berufen wurde. Das war im Mai 1970 der Fall. Günter Siegmund sorgte für junge Unterstützung und Fritz Hollenbeck, Ursula Hinrichs, Jens-Werner Fritsch, Jürgen Pooch, Jasper Vogt und Antje Schröder verstärkten das Ensemble.
Aber die Idee der Verjüngung und der Stil dieser personellen Veränderung stieß zunehmend auf Kritik. Der Vertrag mit Henry Vahl wurde aus Verjüngungsgründen aufgekündigt und Heidi Kabel kündigte deshalb auch ihren Rückzug von diesem Theater an.
Günter Siegmund führte auch Regie, so bei einigen erfolgreichen Fernsehinszenierungen, wie Opa wird verkauft, Die Königin von Honolulu, Mein Mann, der fährt zur See oder Der möblierte Herr. Wegen der Kritik aber erklärte er 1979, drei Jahre vor dem offiziellen Ende seines Vertrages seinen Rücktritt.
Er starb zwei Jahre nach seinem Abschied vom Theater am 20. Mai 1981 während eines Urlaubs in Malcesine am Gardasee. Er wurde nur 54 Jahre alt.
In den Jahren 1980 bis 1985 war Konrad Hansen  (* 17. Oktober 1933 in Kiel; † 9. August 2012 in Heikendorf ) als Intendant des Ohnsorg-Theaters tätig, er leitete später auch einige Jahre die Niederdeutsche Bühne Flensburg. Beim Ohnsorg-Theater verpflichtete er neue Darsteller wie Manfred Bettinger, Hans Timmermann, Willem Fricke, Meike Meiners und Uta Stammer. Jürgen Lederer,1975–1986 auch bei den Karl-May-Spielen Bad Segeberg zu sehen (zahlreiche Auftritte in der Rolle des „Old Shatterhand“ mit den „Winnetous“ Klaus-Hagen Latwesen, Pierre Brice und Gojko Mitić) gehörte auch dazu. Jürgen (* 12. Oktober 1943 in Hamburg) war 1985–2003 in 35 Fernsehaufzeichnungen dabei und leitet seit 2003 zusammen mit seiner Frau Sabine die „Freie Schauspielschule Hamburg“.
Walter Ruppel (* 17. April 1927 in Hamburg; † 22. Dezember 2016 ebenda) begann eine Theaterlaufbahn 1950 am Hamburger Theater im Zimmer, er leitete bis 1985 gemeinsam mit Peter Striebeck das Thalia Theater. Dann übernahm er die Intendanz bei Ohnsorg. Unter seiner Ägide erhielt das Theater erstmals eine Einladung zu den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, die Bühne gastierte ferner mit dem Stück Lütte witte Siedenschöh von Ingo Sax in Japan. Weitere Auslandsgastspiele in dieser Zeit führten nach New York und auf die spanische Insel Mallorca.
Ruppel inszenierte unter anderem auch 1992 Jean Sarments „Manda Voss ward 106“ mitHeid i Kabel in der Titelrolle, die mit dieser Rolle ihr 60jähriges Bühnenjubiläum feiern konnte. 

Als neue Darsteller kamen u. a. Sandra Keck, Beate Kiupel, Robert Eder, Oskar Ketelhut, Karl-Ulrich Meves und Uwe-Detlev Jessen ans Haus; Schauspieler Regisseur und Autor Wilfried Dziallas wurde Oberspielleiter. 

1994 trat Walter Ruppel aus gesundheitlichen Gründen vom Intendantenposten zurück. Sein Nachfolger wurde Thomas Bayer. Ruppel starb am 22. Dezember 2016 in Hamburg im Alter von 89 Jahren.
Thomas Bayer beabsichtigte das Theater völlig neu zu gestalten. Als Erstes entließ er die Dramaturgen Hartmut Cyriacks und Peter Nissen. Er strebte auch an das Programm des Hauses komplett zu ändern (zum Beispiel mit Musical und Kinderchor). Nachdem dies weder beim Publikum noch bei den Schauspielern auf Zustimmung stieß, kündigte er im Jahr darauf seinen Vertrag. 
Ihm folgte, wiederum ein glückliches Geschick Christian Seeler (* 27. November 1958 in Hamburg). Verwandt mit Uwe Seeler ist er der Sohn der Politikerin Ingrid Seeler (SPD) und des Oberkirchenrates und Senators Hans-Joachim Seeler (SPD). Er trat schon 1982 als Schauspieler hier auf, als kaufmännischer Direktor war er hier von 1984 bis 1992 tätig.
Die vergangenen 75 Jahre war die Heimat der Bühne der Standort "Große Bleichen". Christian Seeler mit seinem Team organisierte den Umzug an den neuen Standort in der Nähe des Hauptbahnhofes ins neue Ohnsorg-Theater im Bieberhaus am Heidi-Kabel-Platz 1.
Seit der Spielzeit 2011/12 wird jetzt hier die Große Bühne betrieben, seit 2012/2013 auch noch die Studiobühne.
Und alles nach heutigem modernen Standard. Gute Sicht und beste Akustik herrschen auf allen 412 Plätzen in Parkett und Rang. Mehr Toiletten und dezentrale Garderoben, ein Fahrstuhl und angenehme Klimaanlage sowie moderne Bühnentechnik sorgen für ein besonderes Erlebnis. 
Auf der neuen Bühne- mit einer Portalhöhe von 4,70 Metern - können sich die Künstler erst so richtig entfalten und auf der Studio-Bühne, einer zweiten Spielstätte im neuen Theater, ist Platz für zusätzliche Programme und weitere Aktivitäten.
Zum Dank wurde Christian Seeler deshalb 2017 die Ehrenmitgliedschaft des Ohnsorg-Theaters angetragen.
Solch eine Ehrenmitgliedschaft wird auch nur in Ausnahmefällen vergeben. So wurde bereits Hilde Sicks geehrt, wie auch Heidi Kabel (2004).
Der ehrenamtliche Vorsitzende des Ohnsorg-Trägervereins Helmuth Kern wurde damit 2013 geehrt und 2019 Heidi Mahler.
Zur Zeit werden die Geschicke des Hauses durch Michael Lang geleitet, der Intendant im Winterhuder Fährhaus wechselte 2017 hierher an die Spitze.

Ohnsorg-Theater, Heidi-Kabelplatz 1, 20099 Hamburg
U/S-Bahn-Station Hauptbahnhof

 

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