Die Pamir - Untergang eines Großseglers

Es ist der 21. September 1957: Radiosender und Tagesschau schockieren am Abend mit der Nachricht "Die Pamir ist verschollen". Ganz Deutschland hofft und bangt. Drei Tage nach der ersten Meldung gibt es neue Hoffnung auf Überlebende. Aber ebenso bestätigt sich auch: "Die Pamir ist gesunken". Auf der Hamburger Werft von Blohm & Voss wird 1904/05 die fast 100 Meter lange Viermast-Stahlbark Pamir mit ca. 4000 Quadratmeter Segelfläche und 3000 Bruttoregistertonnen Tragfähigkeit für den Reeder Ferdinand Laeisz gebaut. Trotz des absehbaren Endes der Großsegelschifffahrt setzt er weiterhin auf den Wind, das billigste, aber auch unberechenbarste Antriebsmittel. Das Schiff sollte Salpeter und Getreide befördern. Am 31. Oktober 1905 läuft das Schiff aus dem Hamburger Hafen zur ersten Reise nach Südamerika aus. Als der Kapitän 1914 vom Kriegsausbruch erfährt, rettet er die Pamir in eine stille Bucht vor der Kanaren-Insel La Palma, wo sie während des Ersten Weltkrieges liegen bleibt.

Erst 1921 hat das Schiff Gelegenheit, sicher nach Hamburg zu reisen. Während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 gerät auch Laeisz in Schwierigkeiten. Die Pamir muss abgewrackt oder verkauft werden. Der finnische Reeder Erikson wird 1931 für 4000 englische Pfund Sterling neuer Besitzer der Pamir. 1941 wird die Viermastbark von der neuseeländischen Regierung als "Prise" beschlagnahmt. Umgebaut zum frachtfahrenden Schulschiff und technisch auf neuesten Stand gebracht, fährt es ab 1942 zwischen Wellington und San Francisco unter neuseeländischer Flagge. Am 12. November 1948 wird sie wieder unter finnische Flagge gestellt und dem vormaligen Eigner, der Reederei Erikson, zurückgegeben. 1949 macht die Pamir ihre letzte Reise von Australien nach Europa. Als ein belgischer Schrotthändler der Reederei das Angebot macht, die Schiffe zu einem guten Preis zu kaufen, nimmt diese das Angebot sofort an. So landet die Pamir schließlich in Antwerpen auf der Abwrack-Werft. In Deutschland gründet  Kapitän Helmut Grubbe zusammen mit dem Lübecker Reeder Heinz Schliewen und anderen eine Interessengemeinschaft. Ihr Ziel: Rückkauf der Pamir in allerletzter Minute. Im September 1951 kehrt das Schiff nach Kiel zurück. Als Segelschulschiff verfügt die Pamir über ungewohnten Komfort, denn Schliewen hatte sich den Umbau mehrere Millionen Mark kosten lassen. Es gibt elektrisches Licht und fließend warmes Wasser, Proviant-Kühlräume, Bäder, Zentralheizung, Waschmaschinen und Kaffeeautomaten. Die Sicherheitsstandards sind vorbildlich. Schliewen geht jedoch ein zu hohes finanzielles Risiko ein und muss sich verschulden. 1954 ersteigert die Schleswig-Holsteinische Landesbank die Pamir für 310.000 DM. Fortan wird das Schiff von einem Zusammenschluss von 18 norddeutschen Reedereien unter der Leitung von Otto Wachs, Vorstand der Stiftung Pamir und Passat, als schwimmende Ausbildungsstätte für den seemännischen Nachwuchs betrieben. Von 1955 bis 1957 gehen die Reisen nach Südamerika. Die 6. Reise ist die letzte. 

Rettungsboot Nr. 2 der PamirRettungsboot Nr. 2 in der Jacobikirche Lübeck Foto: Niepelt

Am 11. August 1957 kurz nach 15 Uhr begann die Pamir unter Kapitän Diebitsch mit einer – zu mehr als 90 % lose gestauten – Ladung Gerste die Rückreise aus Buenos Aires mit Ziel Hamburg. Am 21. September 1957 sinkt das Schiff etwa 600 Seemeilen (ca. 1.100 km) westsüdwestlich der Azoren. Es war ein Hurrikan , der sich nach dreifacher Richtungsänderung in den vorhergehenden Tagen plötzlich direkt aus westlicher Richtung auf den Windjammer zubewegte.
Insgesamt kamen 80 der 86 Besatzungsmitglieder der Pamir ums Leben, darunter alle Offiziere und der Kapitän. 51 der 86 Besatzungsmitglieder waren Kadetten, insgesamt 45 Besatzungsmitglieder waren 16 bis 18 Jahre alt. Die Eintragung der Pamir wurde am 17. Mai 1958 aus dem Lübecker Schiffsregister gelöscht. 

Die 6 Überlebenden wurden in zum großen Teil zertrümmerten Rettungsbooten geborgen.
In der Lübecker Jakobikirche wurde die frühere Witte-Kapelle zur Pamirkapelle umgestaltet: Sie beherbergt das leckgeschlagene Rettungsboot Nr. 2 der Pamir, von dem ein Überlebender gerettet wurde, sowie Informationen zum Unglück einschließlich Aufzeichnungen eines Überlebenden. Die Kapelle erinnert außerdem an den Verlust weiterer Lübecker Schiffe und ihre Besatzungen. An den Kapellenwänden hängen Kränze und Schleifen von deutschen und ausländischen Seeleuten und Abordnungen, die die Kapelle besuchten. Am 21. September 2007 wurde die Kapelle zur Nationalen Gedenkstätte der zivilen Seefahrt erklärt. 

 

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