Oskar Kokoschka und die Jakobikirche Lübeck

Die Freundschaft zwischen dem Maler Oskar Kokoschka (* 1. März 1886 in Pöchlarn, Niederösterreich; † 22. Februar 1980 in Montreux, Schweiz) und dem langjährigen Leiter der Lübecker Museen Carl Georg Heise (* 28. Juni 1890 in Hamburg; † 11. August 1979 ebenda), ist es zu verdanken, dass der betagte Künstler aus dem Fenster eines Hauses auf der Nordseite des Koberges den Platz mit der Jakobikirche malte. So hat Lübeck einen festen Platz in den Stadtlandschaften Kokoschkas erhalten, ist in einem Atemzug zu nennen mit Paris, Bordeaux, Madrid, Amsterdam, Hamburg, Istanbul, Berlin, New York und London. Lübeck malte er im September 1958 im Auftrag des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte. Leicht ist es den Lübeckern nicht gefallen, das Bild bei Kokoschka zu bestellen.

20.000 Mark verlangte der Künstler. Für einen Mann seines Formats und Rufes sicher nicht zu viel, aber doch für eine Stadt, deren Bild immer noch von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges vernarbt war, die nicht den wirtschaftlichen Aufschwung anderer Städte erlebte. So sträubte sich der Senat, so viel Geld für die Kunst auszugeben. Erst als einer der Senatoren vorschlug, das Bild aus eigener Tasche zu bezahlen, mochte sich der Senat nicht beschämen lassen und stimmte zu. Materiell gesehen - was bei solch einem Kunstwerk eigentlich nicht erlaubt ist - hat er zweifelsfrei richtig entschieden. Künstlerisch stellt sich diese Frage ohnehin nicht. 

Nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Stadtbild hat Kokoschka gewählt, im Gegensatz zu vielen anderen Stadtporträts. Er malte den Platz in nahezu südländischem Licht. Er hat die bunte Farbpalette genutzt, doch dominierend sind Ziegelrot und blasses Blau, Lübecker Farben eben. Für Thomas Mann war Kokoschka "der Inbegriff der modernen Malerei". Ihn begeisterte "die edle Buntheit, die reiche Polyphonie ihrer Tinten, die vielumfassende Kühnheit und Weite ihrer Komposition." Dieses Werk ist im Lübecker Behnhaus zu sehen.
Im Alter von 22 Jahren erregte Kokoschka mit seinen Arbeiten, die auf der "Wiener Kunstschau" 1908 ausgestellt wurden, zum ersten Mal Bewunderung und Proteste. Aus seinen farbigen Entwürfen für Tapisserie und für seine Jugenddichtung "Die träumenden Knaben" sprach ein unmittelbares, durch keine Konventionen verhülltes Erlebnis der Welt und des eigenen Ich. Bereits ein Jahr später trat er mit Bildnissen an die Öffentlichkeit, die suggestiv die psychische Befindlichkeit der Dargestellten sichtbar machten und ihre künftigen Schicksale vorausahnend deuteten.
International wurde Kokoschka durch die Teilnahme an Herwarth Waldens "Sturm"  in Berlin bekannt. Von 1910 bis 1932 gab Herwarth Walden (eigentlich Georg Lewin; * 16. September 1878 in Berlin; † 31. Oktober 1941 bei Saratow) die Zeitschrift Der Sturm heraus, die er zusammen mit Alfred Döblin (* 10. August 1878 in Stettin; † 26. Juni 1957 in Emmendingen)  begründete und die eine der wichtigsten Publikationen des Expressionismus war. Zu den literarischen Mitarbeitern zählten unter anderem Selma Lagerlöf und Heinrich Mann. Im Jahr 1910 kam auf Waldens Anregung Oskar Kokoschka nach Berlin und arbeitete an der Zeitschrift mit. In der Zeitschrift erschien das erste der Dramen Kokoschkas, das seit seiner Veröffentlichung als Frühwerk des literarischen Expressionismus gilt. Die Illustrationen dieses Dramas und zahlreiche Porträts bewiesen den Rang Kokoschkas als Zeichner. 
Einige Zeit nach seiner Rückkehr nach Wien lernte Kokoschka Alma Mahler, die Witwe des Komponisten Gustav Mahler kennen. Die leidenschaftliche Beziehung zu ihr spiegelt sich in einer Reihe meisterlicher Bilder, Zeichnungen und Lithographien wider. Unter den Gemälden ragt "Die Windsbraut" als das bedeutendste hervor. Es gehörte bis 1937 der Hamburger Kunsthalle, wurde dort als "entartet" beschlagnahmt und nach Basel verkauft.
Drei lithographische Folgen zeichnete Kokoschka während der Jahre der Verbindung mit Alma Mahler-Werfel. Das auf der Briefmarke abgebildete Selbstporträt - das erste druckgraphische Selbstbildnis Kokoschkas überhaupt - leitet den Zyklus von Blättern zur Kantate von Johann Sebastian Bach "Oh Ewigkeit Du Donnerwort" ein. In ihm zeigt sich der Künstler aufrecht und ungebrochen, trotz der Krise in seinem Verhältnis zu der geliebten Frau, trotz der "Melancholie, die nach seinen eigenen Worten, als Bericht über die drei Jahre einem Erlebnis Gestalt verleiht und es damit aus der Sphäre eines alltäglichen Liebesverhältnisses hebt".
Die Mappe zur Bachkantate erschien, drei Jahre nach ihrer Entstehung, 1916 im Verlag Gurlitt, Berlin. Kokoschka lebte damals, nach einer fast tödlichen Verwundung im Ersten Weltkrieg, in Dresden. Von 1919 bis 1923 lehrte er an der Dresdner Akademie. Dann begann eine Zeit fruchtbarer Reisen durch Europa, Nordafrika und den Nahen Osten. Von ihnen kehrte er, außer nach Wien, immer wieder nach Berlin zurück, gefordert und gefördert durch seinen Kunsthändler Paul Cassirer (* 21. Februar 1871 in Breslau; † 7. Januar 1926 in Berlin) und seine Nachfolger. Erst mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland war ihm ein Aufenthalt hier nicht mehr möglich. Von Paris aus verwandte er sich in einem offenen Brief in der "Frankfurter Zeitung" noch im Mai 1933 für seinen verfolgten jüdischen Kollegen Max Liebermann. 1934 verließ Kokoschka das vom Dollfuß-Regime beherrschte Österreich. 1938 floh er vor den Nationalsozialisten aus Prag nach London. Dort wurde er zum Präsidenten des "Freien Deutschen Kulturbundes" gewählt. Am Kriegsende wandte er sich an die Bevölkerung seines Gastlandes mit der Bitte um einen gerechten Frieden für das deutsche Volk.
1953 kehrte Kokoschka auf den Kontinent zurück. Er lebte von da an bis zu seinem Tod in Villeneuve am Genfer See, malte abermals viel auf Reisen und porträtierte Persönlichkeiten aus aller Welt. Seine besondere Anteilnahme galt von 1953 bis 1963 in seiner Salzburger "Schule des Sehens" der Jugend, der er seine Vorstellung vom Erlebnis der Welt im Sehen und von der Freiheit des Einzelnen als der entscheidenden Qualität des Menschlichen vermittelte. Unter seinen Gemälden stellen vor allem die Ansicht von Berlin aus dem Jahre 1966 und das für die Hamburger Universität gemalte Triptychon "Die Thermopylen" aus dem Jahr 1954 sein Bekenntnis zur Freiheit vor Augen.
In der Begegnung mit dem Werk Kokoschkas wird ein Satz des Freundes Heise deutlich, den dieser bereits 1919 in der Gemeinnützigen formuliert hatte: "Kennerschaft vorausgesetzt, soll die Beschäftigung mit alter Kunst die ästhetischen Maßstäbe dorther nehmen, wo sie einzig fruchtbar genommen werden können: Aus der Gegenwart."
In Deutschland wurden zahlreiche Ausstellungen von Kokoschkas Werk gezeigt; die letzte große Ausstellung zu Kokoschkas Lebzeiten konnte mit Hilfe des Auswärtigen Amtes in Japan vorgestellt werden. In Deutschland erschien Kokoschkas vierbändiges "Schriftliches Werk", das wohl umfangreichste eines Malers im 20. Jahrhundert; hier werden auch seine Briefe wissenschaftlich publiziert. Unter den Anerkennungen seines Lebenswerkes nimmt Kokoschkas Berufung in den Orden "Pour le Mérite" eine besondere Stelle ein.
Die Einordnung dieses Werkes als "Expressionismus" hat Kokoschka selbst immer skeptisch beurteilt. Für ihn war es eine Äußerung von Leben und Erlebnis selbst. Bild und Wort standen ihm als Mitteilungsformen dieses Erlebnisses in gleicher Weise zur Verfügung.

 

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