Heinrich Schliemann aus Neubukow und der Schatz des Priamos

Zeit seines Lebens schon musste dieser Pionier der Feldarchäologie Verunglimpfungen hinnehmen, man nannte ihn einen Narren oder Scharlatan, zuweilen sogar einen Lügner. Johann Ludwig Heinrich Julius Schliemann, geboren am 6. Januar 1822 in Neubukow, der Patenstadt von Reinfeld, Holstein
Seine Lebensgeschichte hat romanhafte Züge, die mit der gewöhnlichen Wirklichkeit unvereinbar scheinen. Schon seine Karriere als Kaufmann ist märchenhaft genug: vom bettelarmen, kranken jungen Mann, der die niedrigsten Arbeiten verrichtet, um sich am Leben zu halten.  Im Sommer 1841 verließ er Mecklenburg und versuchte sein Glück in Hamburg, Er arbeitet sich durch erfolgreiche Geschäfte im Indigohandel hoch, diesem kostbaren Farbstoff und bringt es zum Multimillionär. Glück begleitet seinen Lebensweg. Da ist auf dem Tiefpunkt seines jungen Lebens, als er gerade im Begriff ist nach Venezuela auszuwandern, der Schiffbruch vor der holländischen Küste. So wie er hierbei wie durch ein Wunder gerettet wird, bewahrt ihn das Schicksal ein andermal, als er schon der reiche Petersburger Kaufmann geworden war, vor dem finanziellen Ruin. Das Glück paart sich mit wunderbaren Anlagen, in kürzester Zeit lernt er Sprachen , und am Ende seines Lebens beherrscht er deren 18, viele davon wohl eher fließend als leidlich.

Mit 41 Jahren gibt Schliemann seine Geschäfte auf, unternimmt eine Weltreise und verschreibt sich der Archäologie oder dem, was er darunter versteht. In diesem zweiten Lebensabschnitt gelingen ihm die unglaublichen Funde, die ihn berühmt gemacht haben. 
Bis zu seinem Lebensende arbeitet er sich in immer neuen Anläufen und unter den größten Schwierigkeiten durch die Schutthalde Troja, um der Welt die unvergessliche Stadt der homerischen Gesänge wiederzugeben. Der Goldschatz, den er dabei findet, ist nichts gegenüber den reichen Goldfunden, die er an einer anderen Stelle der homerischen Welt, in Mykene, macht. Hier fand er das Grab des Agamemnon mit Grabbeigaben aus Gold. Teile davon sind heute im Archäologischen Nationalmuseum in Athen ausgestellt.  
Er gräbt in einem atemberaubenden Tempo in Orchomenos und Tiryns. Homer, der griechische Dichter verfasste im 8. Jhdrt. v. Chr. die "Ilias", in dem der Krieg zwischen den Griechen und den Trojanern beschrieben wurde. Umstritten ist immer noch, ob er sich so zugetragen hat. Er soll sich aber in Kleinasien zugetragen haben, die beschriebene Stadt hieß Hisarlik. 1873 bei seiner dritten Grabungskampagne entdeckte Schliemann ein Stadttor, von dem eine breite Straße zu einem von ihm als Palast des Priamos, des früheren trojanischen Königs, gedeuteten Haus führt, in dessen Nähe er am 31. Mai den sogenannten Schatz des Priamos gefunden hatte.
Es soll sich dabei um mehr als 8000 wertvolle Gegenstände gehandelt haben: Stichwaffen aus Kupfer, Vasen aus Silber und Kelche aus Gold. In einer Silbervase war die größte Menge Goldschmuck deponiert: Vier Ohrgehänge, 56 Ohrringe, zwei Diademe, ein schmales Stirnband, sechs Armreife und 8750 kleine Knöpfe und Ringe. Schliemann erhielt die Berliner Ehrenbürgerwürde. Im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin bekam der Goldschatz einen Ehrenplatz.
Am 26. Dezember 1890 scheidet Heinrich Schliemann in Neapel aus einer Welt, die er um die Kenntnis einer ganzen Kulturepoche bereichert hat.


Und die Archäologie, hat sie es ihm gedankt?
Glück hat den Beigeschmack de Unverdienten und erweckt den Neid der anderen. Beim Ausscheren aus der Normalität entsteht leicht der Verdacht, etwas sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, und wo der Glaube an die Begünstigung durch ein besonders gewogenes Schicksal sich nicht einstellen kann, verfällt man gerne auf den Ausweg, das Geheimnis des Erfolgs negativen Charaktereigenschaften zuzuschreiben, die durch den Umgang mit viel Geld nicht gerade geläutert werden. Den Vorwurf, man habe goldene Gegenstände erworben oder herstellen lassen, um sie zu vergraben und sich dann als Entdecker feiern zu lassen, wird man schwerlich einem armen Mann machen. Doch die Wissenschaft hatte auch berechtigte Gründe zum Unmut. Hier spielt sich jemand als Archäologe auf, der das Handwerk des Archäologen nie gelernt hat. Gerade hatte sich die Archäologie durch die Abkehr von romantischer Schwärmerei zur ernstzunehmenden Wissenschaft gemausert, da posaunt jemand in die Welt, er habe die Asche Penelopes oder das Grab Agamemnons und den Schatz des Priamos gefunden.
Möglich wird eine Zusammenarbeit zwischen dem Dilettanten Schliemann und der Wissenschaft erst am Ende eines Lernprozesses, als durch Grabungserfahrung sein Blick kritischer und seine Augen durch vergleichende Betrachtung geschult waren. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch ausgezogen wäre, Troja zu finden, ist fraglich. Dazu bedurfte es der Naivität und Unbefangenheit des homerbegeisterten Kaufmanns.


Alfred Rust, dem Ehrenbürger von Ahrensburg, erging es Jahre später ja ähnlich. Der war auch als Elektriker Quereinsteiger der Archäologie und trotzdem sehr erfolgreich.
Schliemann hatte sich aber tatsächlich geirrt. Archäologen wiesen inzwischen nach, dass er sich in seinen Grabungen in Hisarlik geirrt hatte. Der Fund stammt vermutlich aus der früheren Bronzezeit, etwa 1000 Jahre vor der Regentschaft des in der "Ilias" beschriebenen trojanischen Königs.


Und was passierte mit dem Schatz des Priamos?
In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurden sämtliche Kunstschätze aus den Museen geborgen und in Depots z.B. Salzbergwerken gelagert. Die Kisten mit dem Schatz wurden im Januar 1941 zum Schutz vor Luftangriffen zunächst in den unterirdisch gelegenen Tresor der Preußischen Staatsbank verlegt. Die Reise der Kisten führte Ende 1941 in den Flakturm am Tiergarten.  So fiel der Schatz in sowjetische Hände. Am 30. Juni 1945 kam der Schatz des Priamos mit dem ersten Beutekunst-Flug aus Berlin auf dem Flughafen Wnukowo an und wurde am 10. Juli in das Puschkin-Museum gebracht. Dort wurde der Schatz  verwahrt und sein dortiger Aufenthalt geheim gehalten. Erst 1987 gab es erste Informationen, das sich die Beute mit noch 200 Stücken immer noch im Puschkin-Museum befinden sollte. Die Sowjets bestritten dies, bis sie plötzlich 1996 eine Schliemann-Ausstellung mitsamt dem Schatz präsentierten. Russland verweigert bis heute die Rückgabe an die Bundesrepublik. In Russland wird das Beutegut als Kompensation für die von Deutschen vernichteten 160 Museen und 4000 Bibliotheken betrachtet.


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