Raiffeisen - ein Vordenker einer großen Idee 

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war einer der großen Genossenschaftsgründer. Seine Idee und sein Werk leben fort in rund 640.000 Genossenschaften mit fast 300 Millionen Mitgliedern in 100 Ländern in allen Erdteilen (vor der deutschen "Wende").

Raiffeisen wurde am 30. März 1818 als siebentes von neun Kindern des Landwirts Gottfried Friedrich Raiffeisen und seiner Frau Amalie, geb. Lantzendörffer, in Hamm/Sieg geboren. Die als Kind selbst erlebte Not und das christliche Vorbild der Mutter prägten Raiffeisens Leben. Ein Augenleiden zwang ihn 1843, die militärische Laufbahn aufzugeben und in den zivilen Verwaltungsdienst zu wechseln.
1845 wurde Raiffeisen kommissarischer Bürgermeister der 25 Gemeinden umfassenden Amtsbürgermeisterei Weyerbusch im Westerwald. Dort gründete er aus christlich-humanitärer Grundhaltung und auch so verstandener Amtspflicht im Hungerwinter 1846/47 den "Verein zur Selbstbeschaffung von Brod und Früchten". In einem eigens erbauten Backhaus wurde überwiegend aus privaten Spenden gekauftes Mehl zu Brot verbacken und auf Vorschuss an Bedürftige verteilt. Raiffeisen nahm in Kauf, dass die vorgesetzte Behörde diese unübliche Aktivität in Teilen nicht billigte.
Als Bürgermeister in Flammersfeld gründete er 1848 den Flammersfelder Hilfsverein, 1854 am dritten Wirkungsort den Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein. Raiffeisen erkannte schnell, dass erfolgreiche Hilfe für die Menschen nur durch gemeinschaftliche Selbsthilfe auf Dauer wirksam sein kann. Deshalb gründete er den Wohltätigkeitsverein 1864 in einen Darlehenskassen-Verein um. Das war die erste ländliche Genossenschaft.

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Rastloser Einsatz verschlimmerte sein Augenleiden. 1865, 47 Jahre alt, wurde er in den Ruhestand versetzt und konnte sich voll dem Auf- und Ausbau der Genossenschaften widmen. Seine Frau war 1863 gestorben, Tochter Amalie wurde seine wichtigste Mitarbeiterin.
Seine Idee und die inzwischen gesammelten Erfahrungen veröffentlichte Raiffeisen 1866 in dem Buch "Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter". Die folgenden vier Auflagen überarbeitete Raiffeisen selbst.
Auf Basis seiner Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung entstanden schnell weitere Genossenschaften. Die erste zentrale Einrichtung zur Betreuung der Genossenschaften auf regionaler Ebene errichtete der Landwirtschaftliche Verein für Rheinpreußen unter Raiffeisen als Direktor. So wurde der Grundstein für den Aufbau der Raiffeisen-Organisation gelegt. 1877 entstand der "Anwaltschaftsverband ländlicher Genossenschaften" als erster Spitzenverband.
Hier ein paar Zahlen aus 1988: In der Bundesrepublik Deutschland wirken 1988 6000 ländliche Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften mit einem Gesamtumsatz von 80 Mrd. DM und rund 800.000 Mitgliedern aus der Landwirtschaft für das Fortbestehen der Idee und der Grundsätze, für die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung und Weiterentwicklung von Raiffeisens Werk. Über 3500 Kreditgenossenschaften, die auch auf Hermann Schulze-Delitzsch (* 29. August 1808 in Delitzsch; † 29. April 1883 in Potsdam) zurückgehen, haben eine addierte Bilanzsumme von über 400 Mrd. DM und rund 11 Mio. Mitglieder
Raiffeisen hat, wie neben ihm Schulze-Delitzsch und Wilhelm Haas (* 26. Oktober 1839 in Darmstadt; † 8. Februar 1913 ebenda), die Herausforderung der damaligen Zeit angenommen und durch praktische Hilfe Lösungsmöglichkeiten gesucht und gefunden. Die Grundsätze der Selbsthilfe, der Selbstverwaltung und der Selbstverantwortung und der Selbstverantwortung gelten in der Raiffeisen-Organisation nach wie vor. Der Deutsche Raiffeisenverband war dann auch jahrzehntelang Namens- und Traditionsträger des großen Genossenschaftsgründers.
Die Erfahrungen der Vergangenheit haben bewiesen, dass Raiffeisens Idee und seine Prinzipien durchaus geeignet sind, auch in einer pluralistischen Massengesellschaft individuelle Freiheit nicht nur im wirtschaftlichen Bereich zu gewährleisten und zu erhalten.
Raiffeisens Werk hat schon zu seinen Lebzeiten viel Beachtung und Anerkennung gefunden, auch über die Grenzen des deutschen Reiches hinaus. Die beantragte Promotion zum Dr. h.c. der Philosophischen Fakultät der Universität in Bonn anlässlich seines 70. Geburtstags konnte nicht mehr vollzogen werden. Friedrich Wilhelm Raiffeisen starb am 11. März 1888 an einer Lungenentzündung. Seine letzte Ruhe fand er in seinem Familiengrab auf dem Friedhof Heddesdorf, im heutigen Neuwied. 
Heute (2019) ist Raiffeisen der Marken- bzw. Namensteil von mehr als 330.000 Unternehmen, die sich weltweit mit landwirtschaftsnahen Produkten im vor- und nachgelagerten Bereich sowie mit allgemeinen Finanzdienstleistungen befassen.
International arbeiten die Volks- und Raiffeisenbanken in der Internationalen Volksbankenvereinigung (CIBP) in Brüssel zusammen.  Hier noch eine Zahl: Ende 2017 gab es in Deutschland 915 Genossenschaftsbanken mit einer Bilanzsumme von 891 Mrd. Euro. Die Genossenschaftsbanken zählten 18,5 Millionen Mitglieder und über 10.000 Zweigstellen.

 

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