Dorothea Schlözer - eine Universitätsmamselle

"Meine Schwester steht hier in großem Ansehen. Wer ihr nicht gut ist, ist es gewiss aus Neid. Alles betet sie an". So schrieb 1797 Karl Schlözer aus Lübeck an seinen Vater nach Göttingen. Die so großes Ansehen genoss, hieß Dorothea Bolde.  Schlözer, hatte als erste Frau in Deutschland die Doktorwürde der Philosophie erworben, war verheiratet mit dem sechsten Lübecker seiner Zeit, dem Ratsherren  und Großhändler Matthäus Bodde, und machte ihr Haus in der Breiten Straße 776 (heute Nummer 13) zum gesellschaftlichen und geistigen Mittelpunkt der Stadt. Die Voraussetzungen für ein hohes Ansehen waren also gegeben und wurden mit Klugheit genutzt. Und obgleich Dorothea Rodde Schlözer nicht so etwas wie ein Lebenswerk hinterließ, überdauerte ihr Ansehen in Lübeck die Zeit. Dorothea Schlözer wurde am 10. August 1770 in Göttingen geboren. Vielleicht wäre ihr Lebensweg vollkommen unauffällig verlaufen, hätte ihr Vater nicht an seiner erstgeborenen Tochter die Richtigkeit seiner Pädagogik unter Beweis stellen wollen. Professor August Ludwig Schlözer lehrte an der Universität Göttingen Staatsgeschichte. Er war ein in ganz Europa bekannter Publizist, der als Hauslehrer in Schweden und Russland begonnen hatte, sich für Pädagogik zu interessieren. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung vertrat Schlözer die Ansicht, dass Mädchen im gleichen Maße wie Jungen lernfähig seien. Das zu beweisen, hatte er seine Tochter bestimmt und entsprechend wurde ein Erziehungsprogramm für sie aufgebaut. Dann notierte Schlözer: "Daß geehrte Kenntnisse und Fähigkeiten nicht zur wesentlichen Bestimmung des weiblichen Geschlechts gehören…, darin war ich von jeher, mit beinahe der ganzen übrigen Welt, eines Glaubens. Aber wenn auch alle nötige Zeit auf eigentliche weibliche Geschäfte…die von einer cultivierten Deutschen verlangt werden, verwandt wird, so bleiben doch eine Menge leere Stunden über, die besonders bei tätigen weiblichen Personen, besonders in einem gewissen Alter, ausgefüllt werden müssen. Und diese Ausfüllung meine ich, könnte  am besten durch wissenschaftliche Kenntnisse geschehen…Dies geschah seit ihrem vierten Lebensjahr ohne Versäumnissung…und seit ihrem 14. Lebensjahr ohne Anstrengung meinerseits, selbst ohne sie im geringsten in den gewöhnlichen Vergnügungen des hiesigen gesellschaftlichen Lebens einzuschränken."

Zeitgenossen und auch die Brüder Dorothea Schlözers beurteilen die ehrgeizige Erziehung weniger freundlich und beobachteten sehr kritisch, wie wenig Zeit dem Mädchen für ein kindliches Leben blieb. Mit vier Jahren konnte Dorothea Schlözer lesen. Sie musste Plattdeutsch lernen und anschließend andere Fremdsprachen (bei Angabe ihrer prüfungsbereiten Kenntnisse zur Erlangung des Doktorgrades zählte sie später acht Sprachen auf: Plattdeutsch, Französisch, Englisch, Schwedisch, Italienisch, Holländisch, Latein und Griechisch.) Sie wurde systematisch in Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet, fuhr mehrere Wochen lang im Harz in Gruben ein, um die mineralogischen Kenntnisse zu vertiefen, legte den Horaz aus - alles wurde "gründlich betrieben, nur Kunst, Literatur und Langeweile gemieden". Mit 17 besaß Dorothea Schlözer das Wissen eines Studenten vor dem Examen. Als die Universität Göttingen vorschlug, ihr den Titel Dr. phil. Zu verleihen, lehnte der Vater ab. Er wollte Prüfung und Dissertation. Beides wurde abgeliefert und Dorothea Schlözer am 17. September 1787 zum 50jährigen Jubiläum der Universität Göttingen der akademische Grad mit den Worten verliehen : "…schmücke ich mit dem höchsten Ehrenrang der Philosophie und ernenne zu deren Doktores und Magistern die gelehrte Jungfrau Dorothea Schlözer, deren Gelehrsamkeit hauptsächlich in Mathematik und Mineralogie wir wirklich durch ein Examen festgestellt haben …" Die so Geehrte musste durch ein Fenster der Bibliothek die Feststunde verfolgen. Als unverheiratete Frau hatte sie keinen Zutritt.
Vier Jahre später lernte sie bei einer Bildungsreise nach Norden 1791 in Lübeck den Ratsherrn Matthäus Rodde kennen. Rodde war zu der Zeit 36 Jahre alt, verwitwet, hatte drei Kinder aus seiner Ehe mit der vermögenden Bürgermeistertochter Elisabeth Peters. Rodde warb um Dorothea Schlözer, sehr zum Unwillen des Vaters, der erst einwilligte, als Rodde eine Lebensversicherung zugunsten seiner Frau abschloss. Am 29. Mai 1792 wurde das Paar in Göttingen getraut. Das freundliche Wesen Dorothea Schlözers öffnete ihr bald den Zugang zu der anfänglich etwas spröden Lübecker Gesellschaft. Was Rang, Namen und Geist hatte ging in dem Hause Rodde aus und ein. Der 1806 zum Bürgermeister avancierte Rodde kaufte das repräsentative Haus Königstraße Nummer 11 (heute Behnhaus).
Während der französischen Besatzung verspekulierte sich Rodde, als er mehrere Landgüter und Häuser kaufte, deren Wert anschließend dramatisch fiel. Als Bürgermeister versuchte er die Stadt vor dem Ruin zu bewahren, ohne auf die eigenen Geschäfte zu achten. 1810 war Rodde nicht, wie er angenommen hatte, Gläubiger der Stadt, sondern deren Schuldner. Er war zahlungsunfähig. Da er als Bankrotteur nicht in der Stadt bleiben konnte, zog er mit seiner Frau nach Göttingen.
In den Jahren nach 1815 führte Dorothea Schlözer in Lübeck einen aufgeklärten Salon, verkehrte aber auch mit den intellektuellen Kreisen in der benachbarten Residenzstadt Eutin, damals das „Weimar des Nordens“. Zu den dortigen Freunden gehörten Johann Heinrich Voß, Friedrich Heinrich Jacobi und Friedrich Leopold Graf zu Stolberg.
Während einer Kur in Avignon starb Dorothea Schlözer am 12. Juli 1825 an einer Lungenentzündung. Fünf Monate später wurde ihr Mann in Lübeck beigesetzt. Als 1810 die Lichter im Hause Rodde-Schlözer erloschen, hatte die Hausherrin an eine Freundin geschrieben: "Dies ist das Ende der ehemals glücklich gewiegten Dorothea Schlözer… Wer 40 Jahre alt ist, wie ich, sagt zuversichtlich, man kann alles verlieren, was man hat - aber nicht das, was man ist…"
Wikipedia zählt sie zu der als „Universitätsmamsellen“ bekannten Gruppe Göttinger Gelehrtentöchter des 18. Jahrhunderts. 
Die Berufliche Schulen der Hansestadt Lübeck Ernährung - Gesundheit - Sozialwesen trägt ihren Namen.






 

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