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Lübeck und sein Militär

Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts unterhielt Lübeck eine stehende Truppe. Das städtische Berufsheer bestand annähernd 150 Jahre. Zwischen 500 und 600 Soldaten standen ständig im Sold der Stadt. Zu deren Schutz, gelegentlich aber auch zu deren Beunruhigung. Denn die Versorgung der Soldaten war knapp bemessen und das führte mehrfach zu Unruhen. Zudem gab es Spannungen zwischen dem Stadtmilitär und Spezialeinheiten, wie beispielsweise den Konstablern.

Bei den Unruhen von 1795/96 fürchteten sich die Lübecker vor ihrer "Garnison". 1795 waren die Lebensmittelpreise stark gestiegen, der Sold der Soldaten reichte nicht mehr aus. Sie verlangten eine Teuerungszulage. Der Rat bewilligte nicht mehr Geld, aber pro Woche ein achtpfündiges Roggenbrot - überwiegend bezahlt aus der "Rekrutenkasse", in die die Soldaten selbst einzahlten. Als in der nachfolgenden Zeit der Kornpreis etwas und der Kassenstand erheblich sank, wurde diese Brotration auf vier Pfund in zwei Wochen reduziert. Diese Kürzung verkündete ein Offizier beim Aufmarsch der Wache auf der Parade. Ein besonders mutiger Soldat trat vor und verlangte eine Zurücknahme des Beschlusses. Der stellvertretende Kommandant Arnold von Sander schlug dem Mann den Hut vom Kopf, die anderen Offiziere zogen die Degen. Daraufhin zogen einige Wachsoldaten die Seitengewehre blank. Doch die Mehrzahl der Soldaten bewahrte kühlen Kopf. Einige zogen weiter zum Markt und sammelten dort Geld, andere zogen zum Landsitz des Stadtkommandanten Egmont Graf von Chasôt (* 18. Februar 1716 in Caen; † 24. August 1797 in Lübeck). 

Dieser hatte sich vor den Mauern der Stadt an der Wakenitz ein bemerkenswertes Anwesen geschaffen, das er Marli nannte (nach Schloss Marly-le-Roi) und das zur Keimzelle des gleichnamigen Lübecker Stadtbezirks wurde. Als es am Abend zu Zusammenstößen zwischen betrunkenen Soldaten und der Bürgerwache kam, nahm die Unruhe in der Stadt zu. Vier Bürgerkompanien wurden aufgestellt, um Rathaus, Börse, Haus der Kaufleute-Kompagnie, die Wälle und die Wachen zu besetzen. Ohne Zeugen zu hören und ohne Verteidiger wurden drei Soldaten von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Nach der Hinrichtung des ersten Soldaten mussten die beiden anderen Verurteilten gegeneinander um ihr Leben würfeln. Der Sieger wurde zu zwölfmaligem Spießrutenlaufen "begnadigt". Bei der Hinrichtung standen den entwaffneten Berufssoldaten vier bewaffnete Kompanien der Bürgerwehr und zwei freiwillige Korps der Bürger - Knochenhauer und Pferdeverkäufer - mit gezogenem Säbel gegenüber. Es war eine drohende Demonstration gegen die Männer im roten Rock.

Wann das Militär erstmals die Uniform in den Farben Lübecks trug - roter Rock, weiße Hose - , ist nicht genau bekannt. Im 18. Jahrhundert komplettierten schwarze Stiefeletten und schwarzledernes Koppelzeug die Uniform. Offenbar reichte das Geld aber selten, um alle Soldaten entsprechend auszustatten. Die Schneider waren gehalten, die Uniformen etwas größer zu schneidern, damit sie beim Tode des Trägers weiterverwendet werden könnte. Als Hosen aus weißem Ziegenleder angeschafft wurden, mussten die Soldaten diese selbst bezahlen. Ohnehin kamen sie für ihre Uniformen zum großen Teil selbst auf. Entweder wurde ihnen der Preis in Raten vom Sold abgezogen oder er wurde aus der Rekrutenkasse bezahlt, in die jeder Soldat ein Antrittsgeld zu zahlen hatte, wenn er in den Dienst der Stadt trat. Als 1783 neue Uniformmäntel angeschafft werden mussten, genügten 32 Stück für die Soldaten der Stadt. Ein Mantel wurde von den Soldaten abwechselnd auf der Wache getragen, bei Tag und bei Nacht. Bei derartiger Beanspruchung rechnete man mit einer Haltbarkeit von vier Jahren - wenn der Mantel nach zwei Jahren gewendet würde.
Die Konstabler waren Spezialisten, die die Geschütze auf den Befestigungsanlagen warteten und bedienten. Kanoniere zählten nicht zu den Soldaten. Sie waren anderen städtischen Bediensteten gleichgestellt. Ihre Dienstordnung entsprach jedoch in weiten Teilen der der Soldaten. In Krisenzeiten standen bis zu 100 Konstabler im Dienst der Stadt. Ihnen unterstanden auch die Pulvertürme. Mehrfach gab es Versuche, die Konstabler in die Reihen der Soldaten einzugliedern. Das führte zu Reibereien und Spannungen. Noch 1804 plädierte eine Kommission für die Beibehaltung der Trennung, weil die Konstabler nicht an den Soldatenunruhen von 1795/96 beteiligt waren. So blieben die Artilleristen bis zur Auflösung des lübeckischen Stadtmilitärs 1811 in ihrer Sonderrolle.
Nach der Besatzungszeit durch die Franzosen (1806 bis 1813) sah sich der Rat der Hansestadt Lübeck veranlasst, wieder ein eigenes Ordnungsinstrument zu schaffen. Daher beschloss dieser am 21. September 1814 eine eigene Bürgergarde aufzustellen, die für Ruhe und Sicherheit sorgen sollte. Sie bestand, nach Straßen geordnet, aus insgesamt 14 Kompanien, später aus einem Bataillon mit nur 4 Kompanien. Sie setzte sich – von einigen Ausnahmen abgesehen – aus männlichen Bürgern aller Stände bis zum vollendeten 45. Lebensjahr zusammen und musste Sicherheits- und Ehrenwachen durchführen. 
Hierzu gehörten auch die Wachdienste an den Stadttoren, wie dem Holsten-, Burg-, Mühlen- und Hüxtertor.
Die Bürgergarde sollte "in allen Fällen, in denen die Wirksamkeit der bewaffneten Macht in Anspruch genommen wird und die gewöhnlichen Anstalten nicht ausreichen, dem gemeinen Wesen Schutz und Hülfe gewähren."
Der Dienst in der Bürgergarde zählte zur Bürgerpflicht. Jeder Einwohner, der vom aktiven Dienst in der Garde freigestellt war, musste, seinem Vermögen entsprechend, alle 14 Tage einen bestimmten finanziellen Beitrag an die „Bewaffnungskasse“ zahlen. Die Waffen wurden den Gardemitgliedern von der Stadt gestellt. Mit Ausnahme des Käppis war jedes Mitglied für die Uniform auch finanziell selbst verantwortlich. Die Bürgergarde versah ihren Dienst bis zu ihrer Auflösung am 31. Oktober 1867. 
Auf dem Felde vor dem Burgtor marschierte Lübecks Stadtmilitär häufig auf - möglichst fein herausgeputzt, denn Offiziere und Mannschaften wussten sich unter den Augen der Öffentlichkeit, vor allem junger Damen. Es gab dafür aber auch Kritik. So schrieb der Verfasser eines Leserbriefes in den "Lübeckischen Blättern": "Der Dienst in der Bürgergarde besteht beinah in nichts anderem als Exercieren auf dem Burgfelde, und dieses trägt zu sehr den Charakter einer öffentlichen Lustbarkeit. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Bürgergardisten kein Interesse für eine Beschäftigung gewinnen können, in welcher sie fortwährend von den Anwesenden als eine heitere Augenweide betrachtet werden. Man sieht ihren Exercitien mehr um des Spaßes halber, als Interesse für die Sache zu."

MilitärCollage Holstentormuseum Lübeck

Eine Augenfreude waren die Männer in ihren schmucken Uniformen sicherlich für viele. Von den Musikern wird nicht behauptet, dass sie in gleicher Weise eine Ohrenfreude gewesen seien. Im Gegenteil. Sie waren heftiger Kritik (ebenfalls in den "Lübeckischen Blättern") ausgesetzt. So mangelhaft spielten sie, so schlecht hielten sie den Rhythmus, dass die Truppe außer Tritt gerate, wurde ihnen vorgeworfen. Zudem spielten die Musiker so zaghaft und leise, dass die Musik des Korps "beim Aus- und Einmarschieren kaum den ersten beiden Compagnien vernehmlich ist, und in seinen Leistungen eine Einförmigkeit und Flauigkeit obwalten läßt, daß man dadurch in der That weit mehr eingeschläfert, als zu kriegerischem Muthe begeistert wird."
Die Freude über das eigene Militär war in Lübeck stets gedämpft. Soldaten wurden als Notwendigkeit für einen selbständigen Staat angesehen, mehr nicht. Stets hatte der Rat sehr genau darauf geachtet, dem Militär, insbesondere den Offizieren, keine allzu großen Freiheiten zu gestatten. Der Rat behielt sich die wesentlichen Entscheidungen vor.
Nach Gründung und Beitritt zum Deutschen Bund 1815 wurde ein Teil der militärischen Hoheit ohne Bedauern aufgegeben. Lübecks Soldaten wurden zu einem Teil der 3. Brigade, zu der auch Hamburg, Bremen und das Großherzogtum Oldenburg Kontingente beitrugen.

Die Bürgergarde versah jedoch weiterhin ihren Dienst.  Da der Patriotismus der Gründungszeit aber bald verflog, versuchten junge Männer sich vor dem Dienst in der Garde zu drücken. Sie verzichteten auf den Erwerb der Bürgerrechte oder sie zögerten, bis sie eine Einberufung nicht mehr fürchten mussten. Schließlich betrug die Dienstzeit in der Bürgergarde 14 Jahre.
1920 Soldaten sollte die Bürgergarde umfassen, aufgeteilt in vier Bataillone mit jeweils vier Kompanien, denen jeweils 120 Bürgergardisten angehören sollten. Das war entschieden zu hoch gegriffen und mehr gewollt, als die Stadt vermochte. Die Bürgergarde erreichte niemals diese Stärke. Darum begnügte man sich seit dem Jahr 1829 mit einem Bataillon, dem 600 Gardisten angehörten.
Gefordert wurden ihre Dienste vor allem an acht Tagen im Frühjahr und vier Tagen im Herbst, wenn die großen Übungen stattfanden. Ein weiteres Bataillon stand in Reserve. Ihm gehörten die über 38jährigen Männer der Stadt an. Doch der Dienst in der Bürgergarde war nicht so, wie ihn sich die Gründer vorgestellt hatten. Zwar mussten die Bürgergardisten während ihrer 14jährigen Dienstzeit immer wieder zu Paraden, Exerzierübungen und Wachdiensten antreten, doch es fehlte der rechte Schwung. Es war eben eine Laienschar, die sich in soldatischen Disziplinen übte. Kaum ein Gardist hatte zuvor als Soldat gedient. Angesehene Bürger der Stadt bildeten das Offizierskorps. Doch Erfolg im Zivilleben ist keine Garantie für gleichen Erfolg bei militärischen Übungen. Und schließlich: Die Lübecker hatten sich stets bevorzugt in friedlichen Tugenden geübt. Das muss auch auf die Truppe der Bürgergarde abgefärbt haben. Sie war auch gelegentlich heftiger Kritik ausgesetzt, Schlendrian riss ein, der militärische Wert wurde bezweifelt. Der Kunsthistoriker Gustav Lindtke nannte die Bürgergarde ein "Militäraufgebot von wahrhaft Spitzwegscher Idyllik". 
Zeitgenossen müssen ähnlich empfunden haben, sonst hätten sie nicht in Leserbriefen so stark über die Dienstzeit in der Bürgergarde geklagt: "Welch eine kostbare Zeit, wieviel edle Kräfte der Bürger werden mit dieser Spielerei vergeudet. Wollte man die dafür aufgewandte Zeit, alle Mühen, Kräfte und Kosten zu Gelde veranschlagen, wahrlich, es würde ein schönes Capital repräsentieren, welches hier geradezu ins Wasser geworfen wird."

Reinfelder Karpfenfest

 

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