Lübecker Gängehauser

Abgeschirmt vom Getriebe der Stadt, das in diesem Quartier ohnehin nicht sehr lebhaft ist, liegt ein Stück lübscher Idylle zwischen Wahm- und Aegidienstraße. Zwar ist der Durchgang, der beide Straßen verbindet, mit drei Zugängen ausgestattet, aber der Durchlass von der Aegidienstraße ist so niedrig, dass der Besucher ihn kaum aufrecht passieren kann, der zweite von der Wahmstraße ist so schmal, dass jeweils nur eine Person hindurchpasst. Und selbst der Hauptzugang ist nur für Fußgänger geeignet. Als "de dorganden Hagen" wird dieser Gang 1562 erwähnt. "Hagen" war im Spätmittelalter die Bezeichnung für ein eingefriedetes Gebiet. In diesem Fall also war es ein abgeschlossener Bereich, durch den man hindurchgehen konnte. Dieser Gang galt aufgrund seiner sehr unterschiedlichen Bebauung in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg als Musterbeispiel für die Architektur der Lübecker Ganghäuser.

Gang in Lübeck

Schon früh begannen die Lübecker auch die Innenbereiche ihrer Grundstücke zu bebauen. 1289 waren die letzten freien Grundstücke innerhalb der Stadt vergeben. Wenn Lübeck die Menschen, die durch die Tore drängten, aufnehmen wollte, mussten alle etwas enger zusammenrücken. Verdichtung der Bebauung, würde der Fachmann so etwas heute nennen. Vor allem in den Randbereichen, die erst später besiedelt wurden, entstanden Gänge. Sechs Gänge sind aus dem 14. Jahrhundert bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass schon damals mehr Gänge hinter den Häusern entstanden. Im 15. Jahrhundert wurden zusätzliche Gänge erschlossen. 1487 waren es bereits 101. Die Einwohnerzahl stieg sprunghaft an. Die Neubürger, für die Unterkunft zu schaffen war, gehörten in der Mehrzahl dem ärmeren Teil der Bevölkerung an.  Und weil der Bedarf an sehr schlichten Quartieren weiter wuchs, nahm das Bauen von Häusern kein Ende. 1502 wurden 122 Gänge in Lübeck gebaut. Entsprechend stieg der Anteil der Gangbewohner an der Gesamtbevölkerung: Im Marienquartier auf 24 Prozent, im Maria-Magdalenen-Quartier auf 33 Prozent, im Johannisquartier auf 28 Prozent, im Jakobi-Quartier auf 35 Prozent. Trotz dieser großen Wohndichte gab es zwei weitere große Bauphasen: In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und am Ende des 17. Jahrhunderts. Mehr als 180 gänge existierten damals. Damit war dann allerdings auch der Höhepunkt dieser Art von Wohnraumbeschaffung erreicht. Im Gegenteil, die Zahl der Gänge reduzierte sich. 167 gab es Ende des 18. Jahrhunderts, 142 am Ende des 19. Jahrhunderts.

Gang Lübeck

In die Häuser hinter den großen Häusern an der Straßenseite wurden "Buden" gebaut. So bezeichnete man im späten Mittelalter Kleinwohnungen. Meist wurden mehrere solcher Wohnungen wie Reihenhäuser unter einem Dach aneinander gesetzt und anfangs vermietet. Erst später gingen die Ganghäuser auch in den Besitz ihrer Bewohner über. Die ersten Buden bestanden aus einem Raum mit einer offenen Herdstelle. Erst im 16. Jahrhundert entstanden Häuschen mit abgetrennter Herdstelle. Das Wasser musste aus öffentlichen Brunnen geholt werden. Ein Standard-Ganghäuschen misst zwischen 3,5 bis 5,5 Meter in der Breite und 4,5 bis 6 Meter in der Tiefe. Da diese Grundfläche auch für ein äußerst anspruchsloses Familienleben nicht ausreicht, hat die bessere Bude zwei Etagen.

 

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