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Fleischer - tickt die Uhr ?

Ich hatte mir vorgenommen hier auch etwas über heutige Handwerksbetriebe "mit goldenem Boden" zu schreiben. In den 1960er-Jahren bin ich in Lübeck St. Lorenz-Nord, ganz in der Nähe des Geburtshauses von Willy Brandt großgeworden. Bis zur dritten Klasse besuchte ich die Brockes-Volksschule für Knaben. Die Schule war nach Geschlechtern durch eine Mauer getrennt. Heute heißt sie Julius-Leber-Schule. In der Friedenstraße gab es einen Milchladen. Gegenüber vom Brolingplatz wo es noch regelmäßig einen Wochenmarkt gab konnte man die Milch noch lose kaufen. Dazu hatten die Haushalte kleine Milchkannen (für ein oder zwei Liter), die befüllt werden konnten. Wenige Jahre später gab es den Laden nicht mehr. Auch ein Tante-Emma-Laden an der Ecke verschwand, der Konsum stellte auf Selbstbedienung um und man klebte Rabattmarken. In der Reiferstraße gab es noch einen Pferdeschlachter, dieser verschwand dann auch sehr schnell. Aber Schlachtereien und Bäckerläden gab es noch oft. So wollte ich über einen aktuellen Stand bei den Fleischern oder auch Metzgern genannt berichten. 

FleischerBriefmarke Fleischer Schlachter


In Norddeutschland soll man auch Küter zu ihnen gesagt haben, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. In Österreich nannte man sie früher auch Fleischhauer, eine Fleischhauerstraße gibt es aber schon in Lübecks Altstadt
Beim Fleischerhandwerk geht es um die Wurst. Denn 1500 verschiedene Wurstsorten haben die Weltgeltung der deutschen Fleischermeister begründet. 2019 waren in 11.671 Fleischerfachgeschäften und 7.331 handwerklich betriebenen Filialen noch mehr als 100.000 Berufsangehörige täglich bemüht, die Verbraucher mit frischem Fleisch und schmackhafter Wurst zu versorgen. Der Trend ist aber abnehmend. 1987 waren es in Westdeutschland z.B. noch 137.100 Beschäftigte. Langfristig ist auch ein sinkender Fleischverzehr zu verzeichnen. Zusammen mit den zusätzlichen Dienstleistungen wie Plattenservice, Imbiss und Fleischfeinkost, die als beispielhaft für das marktgerechte Verhalten der Fleischer-Fachgeschäfte zu bewerten sind, lag das Umsatzvolumen dieser Branche 1987 noch bei 33 Mrd. DM.
Ich habe versucht über das Internet aktuelle Zahlen zu bekommen, aber versuchen Sie es gerne selbst einmal. Das Statistische Bundesamt oder Seiten wie "Deutschland in Zahlen" oder auch das Fleischhandwerk selbst sind sehr sparsam und verschleiern wohl die Lage. Man spricht überall nur von Verlusten in Prozent
Gut, einiges (wie viel genau?) geht nicht mehr über die Frischetheke sondern durch Tiefkühl- oder Kühltheken in Selbstbedienung, jetzt vermehrt auch über Online-Shops mit Lieferservice. Gastronomie und Imbisse verlieren auch mehr und mehr die Bedeutung. Nun, eine warme Currywurst bekomme ich 2021 noch nicht ins Haus, aber das wird wohl auch nicht mehr lange dauern. Und ein Steak kommt wohl bald (man ist dort schon sehr weit) aus einem 3-D-Drucker.
Es herrscht deshalb im Fleischerhandwerk zur Zeit noch Personalmangel. 
1987 sagte man in Westdeutschland noch: Fleischer braucht man immer. Gegenwärtig werden 47.000 junge Leute im Fleischerhandwerk ausgebildet, davon 23.000 als Fleischer und 24.000 als Fleischfachverkäuferinnen.
Die einzige 2020 aktuelle Zahl, die ich ermitteln konnte, war die Zahl der Auszubildenden. Bei dem vorherrschenden Bewerbermangel sind es trotzdem noch 5885 Auszubildende in dieser Branche.
Die Uhr tickt also.

Imker

 

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