Gerechtigkeit durch Utensilien wie Schwurladen oder Eidkapellen in Lübeck

Heute ist kaum noch vorstellbar, dass die christliche Lehre das gesamte Denken und Handeln jahrhundertelang vollkommen selbstverständlich ordnet. So halten auch bei Gericht lange Zeit Eide und Schwüre auf Eidkapellen oder Schwurladen das Gesellschaftsgefüge zusammen. Im Mittelalter sind diese Laden mit Reliquien ausgestattet. Deren Verehrung gerät in der Zeit der reformatorischen Umbrüche in den Fokus der Kritik. Um 1530 lässt der Lübecker Rat parallel zu einer existierenden, aber seit 1811 verschollenen, traditionellen, silbernen Schwurlade diese hölzerne Eidkapelle anschaffen, ein schlichtes, zur Aufbewahrung von Reliquien unangemessenes Utensil. 


Eidkapelle Lübeckhistorische Eidkapelle Lübeck


Die Hansestadt Lübeck war nicht nur für die Tüchtigkeit ihrer Kaufleute bekannt. Auch das "Lubicensi iure", das lübsche Recht, galt im Mittelalter als vorbildlich. Viele Städte im Ostseeraum übernahmen es, so auch die neu gegründete Siedlung Hamburg auf Anordnung von Graf Adolf III. im Jahr 1188. Rostock, Gadebusch, Wolgast, Stralsund, Anklam und Reval, nur um einige zu nennen, folgten. Die Stadtherren erbaten sich von Lübeck Rechtshandschriften, in denen die grundlegenden Vernehmungen festgehalten waren. Die Gesetze wurden erst in lateinischer und seit Ende des 15. Jahrhunderts in mittelniederdeutscher Sprache aufgeschrieben.
Im lübschen Recht gab es ein Niedergericht und ein Ratsgericht. Die Dingstätte des Niedergerichts vor dem die minder schweren Fälle verhandelt wurden, war eine Laube am Rathaus. Zwei Richterherren aus dem Rat hatten den Vorsitz, ein Schreiber führte das Protokoll. Die Niederschriften der Verhandlungen wurden zunächst in die Stadtbücher eingetragen, später dann in eigene Geschichtsbücher. Auf Vorladung des Niedergerichts hatten die Beklagten und die Kläger in der Gerichtslaube zu erscheinen. Zu ihrer Unterstützung durften sie Verwandte und Nachbarn mitbringen, die für sie gutsprachen. Bei komplizierteren Rechtsangelegenheiten nützte der Rat der Laien aber nichts. Schon um 1255 ist der Beruf des "Vorspraken" erwähnt, ein Vorgänger unseres heutigen Rechtsanwalts.
Das wichtigste Requisit bei den Verhandlungen des Niedergerichts war die Eidkapelle, ein Häuschen aus Holz mit zwei Griffen, die die Vorgeladenen beim Sprechen der Eidformel mit beiden Händen umfassen mussten. Die Eidkapelle auf dem Foto stammt aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Sie ist 40 Zentimeter hoch, 32 Zentimeter breit und aus Eichenholz gefertigt. Meistens steht sie im St.-Annen-Museum. Im Dachfirst der Eidkapelle mag sich früher eine Reliquie befunden haben, die später durch eine kleine Glocke ersetzt wurde. Die Wappen zweier Gerichtsherren, Senator Johann Lüneburg und Senator Laurentius Möller, sind auf die Giebelwände des Schwurhäuschens gemalt. Auch das Ratsgericht besaß eine Eidkapelle, nur war sie entsprechend der Würde des hohen Amtes viel prächtiger und wertvoller. Das aus Silber getriebene, mit Blattgold überglänzte Prunkstück aus der Spätgotik stach Napoleons Männern während der Besatzung Lübecks durch die Franzosen besonders ins Auge. Sie requirierten die Eidkapelle des Rats, die seitdem spurlos verschwunden ist. Das Ratsgericht verhandelte die schwerwiegenden Straftaten, bei denen die Todesstrafe oder eine körperliche Züchtigung infrage kam. In der Regel fand eine Voruntersuchung vor dem Niedergericht statt. Nach Klärung des Tatbestands überwiesen die Richteherren die Fälle an die höhere Instanz, die dann das Urteil fällte. Auch für Revisionsverfahren war das Ratsgericht zuständig. Die Verurteilten hatten nämlich die Möglichkeit, gegen den Spruch des Niedergerichts Berufung einzulegen. Das Ratsgericht trat unter dem Vorsitz des Bürgermeisters zusammen. Seit dem 15. Jahrhundert übernahmen sogenannte Prokuratoren die rechtliche Vertretung des Angeklagten. Waren alle Argumente gehört, zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Bei geöffneten Türen wurde schließlich das Urteil verkündet. Noch früher, kurz nach der Stadtgründung, diente ein schlichter Tisch, der mit rotem Tuch bedeckt war, als Gerichtsstätte. Er wurde bei Nädlers Schwibbogen aufgeschlagen. Nädlers Schwibbogen  nannte man den Durchgang von der Breiten Straße zum Markt. Das war dann ein wenig einladender Ort, denn der Strafrichter und sein Gehilfe standen drohend im Hintergrund.




 

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