Die Metallhütte, das Hochofenwerk in Herrenwyk Lübeck

Zum Alltag in Kücknitz-Herrenwyk gehörte jahrzehntelang das kräftige Dröhnen, das „de Tuut“ von sich gab. Von etwa 1910 an bis zum Ende des 1907 in Betrieb genommenen Hochofenwerkes in Lübeck-Herrenwyk war sie an der Stirnseite des Maschinenhauses befestigt, kündigte den Schichtbeginn wie auch das Schichtende an und war darüber hinaus für Generationen die Taktgeberin des Lebens in der Kolonie. 

de Tuut"de Tuut" bei der Jubiläumsausstellung 2019

Als die Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals Lübeck ins Abseits zu drängen drohte, besannen sich einige Männer der unternehmerischen Tugenden der Stadt. Der Lübecker Industrieverein von 1889 versuchte, die Handelsstadt durch Industrieansiedlung wirtschaftlich abzusichern. Den verlorenen Umschlag an Handelswaren im Hafen wollte man durch Massengüter wieder ausgleichen. 1902 wurde der Gedanke diskutiert, ein Hochofenwerk in Lübeck nach dem Vorbild des Hüttenwerks "Kraft" in Stettin zu bauen. Eine Kommission prüfte das Vorhaben und teilte ihr Ergebnis 1903 dem Senat mit: "In Anbetracht des großen Nutzens, den die Errichtung eines Hochofenwerks bei Lübeck für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung unseres Staates besitzen würde, hat der Vorstand des Lübecker Industrievereins beschlossen, Untersuchungen über die Möglichkeit eines solchen hier zu entwickelnden Werkes anzustellen."

Zwei Jahre später war die Finanzierung gesichert, das künftige Industriegelände am Ufer der Trave gekauft. An der als Aktiengesellschaft gegründeten Unternehmung mit einem Grundkapital von vier Millionen Mark waren vor allem die Stadt Lübeck, die Handelskammer und das Unternehmen Possehl beteiligt. 
Erster Direktor wurde Moritz Neumark, ein hochrangiger Fachmann und jüdischer Herkunft. Er prägte von 1905 bis 1934 die Geschichte im Hochofenwerk im Stadtteil Herrenwyk. Bis 1929 saß dieser auch in der Lübecker Bürgerschaft. Ab Februar 1906 war er Mitglied des Lübecker Industrievereins; von November 1910 bis 1933 gehörte er dem Vorstand an und war Vorsitzender, als dieser am 7. Juni 1933 geschlossen zurücktrat. Im Lübecker Senat forderten nämlich die Nationalsozialisten, die Leitung des Werks zu arisieren. 1942 wurde er mit seiner Frau Ida in das so genannte Altersghetto des KZ Theresienstadt deportiert, wo Neumark am 25. Februar 1943 starb.
Bereits 1906 wurde für das "Hochofenwerk Lübeck" der Grundstein gelegt, im August 1907 die Produktion mit zwei Hochöfen und zwei Koksofengruppen aufgenommen. Anfangs wurden nur Roheisen und Koks produziert. Die in das Werk gesetzten Erwartungen erfüllten sich lange Zeit, daraus wurde damals der größte Arbeitgeber Lübecks, der ab 1937 zum Flick-Konzern gehörte. 1981 musste das inzwischen als "Metallhütte Lübeck" firmierende Unternehmen in einer Rezession der Eisen- und Stahlindustrie Konkurs anmelden.
Das Werk war das einzige Hochofenwerk nördlich des Kohlereviers nördlichstem Standpunkt in Hörde (heute ein Stadtteil von Dortmund). 1968 hatte das Unternehmen mit 2311 Arbeitnehmern die höchste Beschäftigtenzahl in seiner Geschichte. 1974, zu seiner Spitzenzeit, wurden hier ca. 470.000 Tonnen Roheisen erzeugt
Zum Werk gehörte auch eine Wohnkolonie. Im ehemaligen Kaufhaus der Werkskolonie erinnert das Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk an die Geschichte des Hochofenwerks, an die dort arbeitenden Menschen und das Leben in der Werkskolonie. 

 

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