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Flugzeuge aus Finkenwerder

Walther Blohm war es, der für die für Hamburgs Luftfahrtgeschichte so bedeutende Gegend um Hamburg-Finkenwerder verantwortlich war.

Hamburg ist heute neben Seattle und Toulouse einer der weltweit führenden Standorte der zivilen Luftfahrtindustrie. Dazu tragen die heutigen großen Unternehmen Airbus, Lufthansa-Technik und der Hamburg Airport sowie mehr als 300 kleine und mittelständische Unternehmen sowie zahlreiche technologisch - wissenschaftliche Institutionen zum Know-how bei. Die folgenden Zahlen sind aus 2018. Man zählte für diese Region ca. 40.000 Arbeitsplätze. Für Deutschland bedeutet dies, jeder dritte Arbeitsplatz in der Luftfahrtindustrie ist hier. Andere Schwerpunkte gibt es sonst nur in Augsburg, Bremen und München. 

Briefmarke Airbus
Briefmarke Airbus

Wie hatte Walther Blohm denn nun hier begonnen? Walter Blohm führte mit seinem Bruder bereits die Großwerft Blohm & Voss, die von seinem Vater Hermann und Ernst Voss gegründet wurde. Er hatte die Idee Wasserflugzeuge für die Passagierbeförderung zu bauen. In den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges musste man sich eher notgedrungen auch mit dem Bau von Maschinen, Lastwagen und Lokomotiven beschäftigen. Ihn interessierten aber, ähnlich wie der Firma Henschel & Sohn schon Flugzeuge. So wurde die Hamburger Flugzeugbau GmbH (HFB)  im Juni 1933 als Tochterunternehmen der Schiffswerft Blohm & Voss von ihm in das Handelsregister eingetragen.
Und die begann heimlich mit einer ersten Fertigung in Wenzendorf, 30 km südlich von Hamburg-Steinwerder. Der Versailler Vertrag verbot ja die Fertigung von Flugzeugen, trotzdem wurden hier Junkers-, Dornier- und Messerschmitt-Flugzeuge gefertigt und es wurde  an verschiedenen militärischen Projekten gearbeitet, wie den Schnellbomber P 170, das Schlachtflugzeug P 194, den Nachtjäger P 215 oder den Strahljäger P 197. Da Wenzendorf ein reiner Landflugplatz war, das Unternehmen aber große Pläne für Wasserflugzeuge und Flugboote hatte, wurde dafür von 1936 bis 1940 in Finkenwerder ein zweites neues Werk errichtet.  Man begradigte das zuvor sumpfige westliche Elbufer von Finkenwerder (Neßhaken) befestigte es und baggerte die Wasserfläche aus, so dass das Mühlenberger Loch in neuer Form entstand. 
Die Firma konstruierte Mitte der 40er Jahre das größte Flugzeug seiner Zeit: das Flugboot BV 238. 
Die Hallen wurden im Krieg stark bombardiert, danach von der englischen Besatzungsmacht weitestgehend demontiert und zerstört. Der kleine Rest stand unter englischer Kontrolle, um dort Panzer zu reparieren. Die Hallen in Wenzendorf, so weit nicht schon durch die verschiedenen Bombenangriffe beschädigt oder zerstört, wurden ebenfalls demontiert.
Der Flugplatz in Finkenwerder (IATA: XFW, ICAO: EDHI) mit einer ersten Start- und Landebahn entstand ca. 10 Jahre nach Kriegsende. 
Unter der Leitung von Walther Blohm wurde schließlich mit Beteiligung von HFB, Weser-Flugzeugbau und Siebel ATG im Jahre 1954 die Flugzeugbau Nord GmbH gegründet, die Transportmaschinen vom Typ Nord N 2501 Noratlas für die Bundeswehr in Lizenz herstellen sollte. Für diesen Auftrag wurden auch Hallen in Stade angemietet. 
Ca. 1957 begann er erneut an seinem alten Traum zu arbeiten, dem Bau eines großen zivilen Verkehrsflugzeugs. Ein erster Ansatz hierzu war ein HFB 314 genannter Düsenjet für 78 Passagiere, der jedoch von der damaligen Bundesregierung nicht die notwendige finanzielle Unterstützung erhielt und deshalb scheiterte. Weiter kam er mit dem Nachfolgemodell, der HFB 320, deren Finanzierung sowohl durch Hamburg, als auch die Bundesregierung Unterstützung fand. 1963 wurde ein Modell des „Hansa-Jet“ genannten Flugzeugs ausgestellt und fand großen Anklang – und einen ersten Vorvertrag über zwei Flugzeuge.

Ein Airbus A380 mit der Kennung F-WWOW am Bremer Flughafen (Hundertster Geburtstag) By Garitzko - Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6748535

Der Flugplatz verfügt heute über eine Start- und Landebahn, auf der im Rahmen von Test- und Auslieferungsflügen sowie Materialtransporten und Werksflugverkehr werktäglich etwa 10 bis 15 Flugzeuge starten und landen. 
Im Jahr 1964 absolvierte hier der dritte Prototyp der Transall C-160 seinen Erstflug. Ein Passagierverkehr findet hier nicht statt. Der Flugplatz ist der Ort des Erstfluges aller Airbus A318, A319, A321 und auch eines Teiles der A320, die in Hamburg endmontiert und an Kunden ausgeliefert werden. Airbus A380 fliegen seit 2007 den Flugplatz zum Zweck des Innenausbaus, der Lackierung und der Auslieferung an. Der Airbus Beluga, eine Frachtversion des Airbus A300, liefert die größeren Flugzeug-Sektionen (Airbus-A320-Familie) bzw. holt sie ab (Airbus A330-Familie). 

 

Das erlebte Walther Blohm allerdings nicht mehr, am 11. Juni 1963 erlitt Walther Blohm im Anschluss an die Geburtstagsfeier seiner Frau in Lübeck-Travemünde einen Schlaganfall. Er starb am Tag darauf. Die Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg.
Der Werksflughafen schaffte es 1967 einmal in die Schlagzeilen zu geraten. Ein Billigflieger, die spanische Charterfluggesellschaft SPANTAX, flog normalerweise den Flughafen Fuhlsbüttel mit 3000 m - Landebahnen an. Der Chefpilot der Gesellschaft, auf einer Convair CV-990 unterwegs, verwechselte offenbar Fuhlsbüttel mit Finkenwerder und landete vollbesetzt auf der nur 1360 m langen Landebahn des Werksflughafens. Er brachte das Kunststück am 31. Mai 1967 fertig, die Maschine noch vor dem Ende der Landebahn zum Stehen zu bringen. Zum Start des leeren Flugzeuges musste dann Sprit abgelassen werden und sogar Sitzreihen entfernt werden um das Gewicht zu erniedrigen. 
Man erkannte schnell, dass die Flugzeugbau Nord GmbH in dieser Konstellation auf dem Weltmarkt eher geringe Zukunftsaussichten hatte, so kam es unter der Leitung von Ludwig Bölkow, dem Gründer der Bölkow GmbH 1965, zu einer Fusion dieser beiden Unternehmungen mit der Messerschmitt AG zur  Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB) ab 1.11.1968. Übernommen durch die Daimler-Benz AG (heute Daimler AG) 1989 kam das Werk dann zur DASA.
Von 1989 bis 2000 existierte dann die DASA.
Sie wechselte dreimal ihren Namen, die Abkürzung DASA und auch das Logo blieben aber immer gleich: Zuerst stand DASA mit vollem Namen für Deutsche Aerospace Aktiengesellschaft, dann kam es zur Namensänderung Daimler-Benz Aerospace Aktiengesellschaft und nach der Fusion von Daimler-Benz mit Chrysler wurde das Unternehmen wiederum umbenannt in DaimlerChrysler Aerospace Aktiengesellschaft. 
Diese Unternehmung wurde damit der mit Abstand größte Luft- und Raumfahrtkonzern Deutschlands
Im Zuge dieser Fusionen ab 1989 und dem durch eine Dollarschwäche verursachten Kostenreduzierungsprogramm „Dolores“ (Dollar Low Rescue) gingen rund 16.000 Arbeitsplätze verloren. Mehrere Werke im Norden der MBB, wie auch bei Dornier wurden geschlossen oder stark verkleinert. Andererseits wurde der niederländische Flugzeugbauer Fokker übernommen. 
Nach der Wiedervereinigung engagierte man sich stark in den neuen Bundesländern. Man übernahm die volkseigenen Betriebe VEB Flugzeugwerft Dresden sowie das VEB Instandsetzungswerk Ludwigsfelde. In Thüringen gründete man im November 1991 gemeinsam mit der Jenoptik GmbH aus Jena die Jena-Optronik GmbH. 1993 wurde die RST Rostock System Technik GmbH in den Bremer Raumfahrtbereich der DASA integriert. Heute gehört dieses Unternehmen in den Bereich der Ferchau-Aviation-Group.
2000 kam es dann zur Schmiedung des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS – European Aeronautic Defence and Space Company, aus dem dann später die Airbus-Group wurde.
Es kam zur Fusion mit der französischen Aérospatiale-Matra und der spanischen CASA, dabei wurde jedoch die Tochtergesellschaft MTU wieder ausgegliedert, die beim Mutterkonzern DaimlerChrysler verblieb. MTU, einst fertigte man alle Motoren für die Kettenfahrzeuge der Wehrmacht, später auch Großmotoren und Flugzeugturbinen, gehört seit 2014 zu Rolls-Royce
In Finkenwerder beschäftigte man im Jahr 2000 7628 Mitarbeiter und im Jahr 2006 11.449 Mitarbeiter, 2017 bereits 12.500 Mitarbeiter.
Das ging aber nur auf Kosten der Umwelt, da Erweiterungen unumgänglich wurden. Der Standort war umstritten. Umweltaktivisten entgegneten, dass sich das Areal schlecht für Erweiterungen des Werkes eigne. Es sei schlecht zu erreichen und auch nicht sicher vor Sturmfluten. 1962 waren große Teile bei der Sturmflut überspült worden.
Um die Werkserweiterung für den Bau des Flugzeugs Airbus A380 letztendlich zu ermöglichen, hat die Stadt Hamburg zwischen 2001 und 2003 eine Teilfläche von 170 ha des ehemaligen vergrößerten Landeplatzes für Wasserflugzeuge im Mühlenberger Loch wieder mit Sand ausgefüllt beziehungsweise aufgespült, zeitweise die größte Baustelle Europas.
Hamburg-Finkenwerder ist im Augenblick nicht nur Auslieferungszentrum für den Megaliner A380, sondern auch in zwei Fertigungsendlinien der erfolgreichsten Modellreihe des Flugzeugbauers: der A320-Familie, des A318, A319 und A321.
Wegen großer Nachfrage wird seit März 2008 die A320 in einer dritten Fertigungslinie auch hier endmontiert
Bei der A380 wird in Hamburg die Sektionsmontage mehrerer Rumpfsektionen, sowie die Kabinenausstattung und Lackierung durchgeführt, dabei braucht nicht mehr wie früher regelmäßig die Hauptverkehrsstraße Neßdeich mit den Flugzeugen überquert zu werden. 
Die Zukunft des Werkes ist aber in letzter Zeit ungewisser geworden. So ein A380 (Listenpreis 437 Mio Dollar) wird immer seltener geordert. Statt wie sonst 28 Exemplare pro Jahr herzustellen waren es 2017 nur 15. Dem größten Wettbewerber Boeing mit dem Jumbojet 747 geht es ähnlich. Wie der Weg aus der Krise herausgehen soll, mit mehr Sitzplätzen etwa, steht noch nicht genau fest.

 

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