Das Rathaus- und Kanzleigebäude Lübeck

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Eines der bekanntesten Bauwerke der Backsteingotik ist das Rathaus in Lübeck. Unter den Rathäusern ist es damit auch eines der größten des Mittelalters. 


Das war nicht immer so. Erwähnt wurde es zuerst 1225 oder 1226 im Urkodex V des Lübischen Rechts. Zunächst wurde es auch noch von Gerbern benutzt, das ist zumindest für 1250 bekannt, da rührt der Begriff Lohhaus dann auch her. 
1230 jedenfalls begann man mit dem Bau. Und das Bauen nahm kein Ende. Stets war es zu klein, immer musste es dem Geschmack der Zeit angepasst werden. So mischen sich im Lübecker Rathaus die Stile von Gotik, Renaissance und Neugotik. So entstand seinerzeit eines der schönsten Rathäuser Deutschlands.
Wer tagt, versucht die Dinge mit Vernunft zu regeln. Ein alter Spruch der Stadt lautet: „Latet uns dagen. Dat fähnlein is licht an de Stange gebunden, aber es kostet veel, mit Ehren wedder aftonehmen.“ Sinngemäß übersetzt mit: „Krach gibt es schnell, der Frieden ist schwer herzustellen. Also lasst uns miteinander reden.“


Anfangs war noch der Markt unter freiem Himmel gut genug, später nahm man das Obergeschoss des Lohhauses dazu. Nach der Reichsfreiheit 1226 entschloss man sich zum Bau eines eigenen Gebäudes. Es sollte gewissermaßen das weltliche Gegenstück zur Marienkirche werden. Entsprechend hoch war der Anspruch. Der Stadtbrand 1251 vernichtete dieses erste Gebäude fast vollständig und das folgende Gebäude wurde bei einer Pulverexplosion 1358 stark an der Vorderseite beschädigt. Gut, dass man das Kanzleigebäude nutzen konnte, ab 1360 bezogen die Schreiber des Rates dieses später so genannte Gebäude.

Das Kanzleigebäude
Ein Niedergericht, eine Polizei- und eine Feuerwache, ein Gefängnis, das Einwohnermeldeamt, die städtische Kreditanstalt und das Archiv der Stadt, all das und noch weitaus mehr Einrichtungen beherbergte dieser Teil im Laufe der langen Geschichte der Hanse. Die Bezeichnung bekam es bis heute durch seine erste behördliche Verwendung, „olde schriverie“. Ursprünglich standen hier noch Buden, die die Stadt an Schneider, Tuchscherer und Schuster vermietete. Die Schuster haben sich an diesem Platz nachhaltiger behauptet, denn damals tauchte auch noch die Bezeichnung „lange schoboed“ auf.  
1483 bis 1486 wurde, zunächst mit nur fünf der heute 22 Joche, ein Neubau errichtet, der mit einem Durchgang zum Rathaus verbunden war. Dieser älteste Teil des Gebäudes, der bis zur sechsten Granitsäule auf der Seite zur Marienkirche reichte, musste 1818 abgerissen und wiederum durch einen Neubau ersetzt werden. Dabei war die Kanzlei schon lange förmlich aus den Fugen geraten. Schon 1665 hatte der Leiter der Kanzlei Mängel offenlegen müssen: Die Säulen, auf denen das Gebäude ruhte, begannen zu bersten. Aber die Schreiber mussten in dem maroden Gebäude weiter arbeiten, obwohl der Zustand immer bedrohlicher wurde, denn die Außenwände begannen sich zu neigen. Erst 1806 durften sie umziehen. Als Ursache für die bedenklichen Neigungen des Gebäudes ermittelte Stadtbaumeister Behrens eigenartigerweise die „unterwühlenden Leichenbestattungen“ auf dem benachbarten Marienkirchhof.
Das Handwerk fand noch weiterhin seine Heimat hier. In der weiteren nördlichen Verlängerung des Gebäudes arbeiteten die Pelzer und Buntmacher, dort hatten sie ihr Kreidelager. 1614 wurde es abgebrochen, um einer abermaligen Erweiterung des Gebäudes Platz zu machen. Den Abschluß zur Mengstraße bildete zunächst eine Fassade im Stil der niederländischen Renaissance. Der Giebel wurde jedoch 1791 entfernt und nach Entwürfen des Maurermeisters Lorenz Jürgen Meins neu gesetzt. So verbinden sich die verschiedenen Stile Gotik, Renaissance und Klassizismus auch hier. Der Durchlass in der Mitte des langgestreckten Gebäudes trägt die Bezeichnung „Hasenpforte“. Vermutlich hat der Durchgang zwischen Breiter Straße und Marienkirchhof diesen Namen erhalten, weil bei den dort früher ansässigen Tuchhändlern „Hasenlaken“, also Hosenstoffe, gekauft werden konnte. Direkt daneben lag das Gefängnis oder „Bullenstall“ wie man im Volksmund dazu sagte. Die benachbarte Polizewache erhielt so auch die nette Bezeichnung „Automat“. Überliefert wurde: Man werfe ein Steinchen gegen ein bestimmtes Fenster in der ersten Etage, und schon tritt unten ein Schutzmann mit Pickelhaube und Säbel zur Tür hinaus.


Zurück zum Rathaus. Ab 1300 war es hier mal wieder zu eng. Das „Danzelhus“ mit Festsaal wurde angebaut. Hier störten die Buden der Goldschmiede, deshalb setzte man den Saal auf Granitpfeiler. Der nächste Anbau an dieser Stelle erfolgte 140 Jahre später mit zahlreichen Türmchen. Ratsbaumeister war Nikolaus Peck, der 1435 die Südwand erhöhte, die dann drei Türme und die die charakteristischen Windlöcher bekam.   Anschließend errichtete er südlich an das Lange Haus anschließend in detailfreudiger Spätgotik das Neue Gemach mit seinen Schauwänden zum Markt und zur Breiten Straße. Auch hier war das Erdgeschoss eine zum Markt hin offene Halle zum Einbau von Buden. Das ist auch heute noch so. Zum beliebten Weihnachtsmarkt wird dieser Bereich auch gerne genutzt. Besucher kommen dafür von weit her. Außerdem befand sich dort die Ratswaage.

Die alten Ratslauben verschwanden 1570. 1570 bis 1572 wurde an der Nordseite des Marktes der freiliegende Teil des gotischen Laubenvorbaus durch den heutigen im Stil der Renaissance ersetzt. Säulen aus Granit tragen die Giebel aus Sandstein, die von den flämischen Steinmetzen Hans Fleminck und Hercules Midow (1570–1572) geschaffen wurden.


1594 erhielt der Künstler Tönnies Evers einen interessanten Auftrag, er sollte ein neues Gemach im Stil der Renaissance mit ersten Ansätzen zum Barock ausstatten. 20 Jahre lang arbeitete er daran. Der von ihm geschaffene Raum galt dann auch als der schönste im Rathaus und wurde bekannt als Kriegsstube. Kurioserweise hat ein Krieg dieses Gemach dann auch zerstört, der Raum wurde ein Opfer des Bombenangriffes im März 1942 auf Lübeck. Das restliche Rathaus überstand inmitten der Trümmerwüste der Altstadt nahezu wie durch ein Wunder. Seither führt die stehengebliebene Rathaustreppe ins Leere, jedenfalls nicht mehr in diesem repräsentativen Empfangsraum.  Die Treppe wurde in dem Jahr gebaut, in dem Tönnies Evers den Auftrag  für die Kriegsstube einst erhielt,. 1594 eben. Sie wurde von dem flämischen Bildhauer Robert Coppens im Niederländischen Stil errichtet. Die Kriegsstube war überreich mit Intarsien, Friesen-Reliefs und Ornamenten geschmückt. Die großartig gestaltete Decke, die üppig verzierten Türen und prächtige Statuen sollten den Reichtum der Stadt ausdrücken. Wenige Teile davon sind noch im St. Annen-Museum zu sehen.
In der Kriegsstube tagte der Senat bis zur Vernichtung, seither kommt er im Roten Saal zusammen. Dieser Saal verdankt seinen Namen der roten Wandbespannung. Vorherrschend in dem Saal ist ein eine ganze Wand einnehmendes Gemälde von Hans Bohrd, welches die Seeschlacht vor Gotland 1564 darstellt. Das Gemälde wurde 1901 vom Senator und Kaufmann Possehl gestiftet und bildet ab wie das schwedische Admiralsschiff „Makeloes“ durch das Lübecker Kommandoschiff „Der Engel“ geentert wurde. 
  
Die Gewandschneider verließen ihren angestammten Platz 1663. Hier wurde die Börse eingerichtet, der Handelsplatz der Kaufleute. Zuvor hatten sie ihre Geschäfte noch unter freiem Himmel auf dem Markt abgeschlossen.


 

 

 

 

1872 wurde einiges in der damaligen Form abgerissen. Die Schildwand im Stil der Frühgotik blieb erhalten. Große Blindfenster an der Wand schmücken sie nach französischem und flämischen Vorbild. Bis dahin trug die Laube vor dem Haupteingang auch noch den Senatsbalkon, von dem in den sog. Burspraken der Allgemeinheit Gesetze und andere Beschlüsse des Senats verkündet wurden.

Nach Westen haben die Etagen über der Laube Ziegelmauerwerk. Unter dem Langen Haus wurden die mittlere und die marktseitige Säulenreihe ersetzt; ursprünglich aus Backstein, sind auch sie seither aus Granit. 
Gleich hinter der Eingangstür befinden sich das im 19. Jahrhundert geschaffene riesige Foyer und ein Treppenaufgang, in dem zahlreiche Bilder hängen, die Szenen aus der Stadtgründung zum Thema haben. 
Rechts befindet sich das Renaissanceportal, das 1574 von Tönnies Evers dem Älteren angefertigt wurde und das in den Rats- und Audienzsaal führt. Der Saal ist heute heiteren und besinnlichen Feststunden vorbehalten. Vor der Umgestaltung 1775 hat man ihn wohl mit weniger freundlichen Gefühlen betreten, bis dahin war er nämlich der Gerichtssaal. 

 

 

 

 

Bürgermeistergalerie
Bürgermeistergalerie

Stefano Torelli (* 1712 in Bologna; † 1784 in Sankt Petersburg) war ein aus der italienischen Künstlerfamilie Torelli stammender Kunstmaler. Er malte den Audienzsaal  ab 1758 aus. Er reiste mit seinem Schüler Francesco Gandini im Mai 1759 an und machte sich an die eindrucksvolle Arbeit. Komplett war der Audienzsaal dann aber erst, nachdem der Lübecker Amtsmaler den Saal für 300 Mark seinerzeit lübisch endgestaltete.  1834 wurden dann wieder einige Malereien entfernt, Torellis Werke blieben aber. 


Das Rathaus ist heute noch Sitz des Bürgermeisters und Versammlungsort der Bürgerschaft. Der Haupteingang ist nicht am Markt, sondern in der Breiten Straße. Der Ratskeller ist an den Kellermeister verpachtet und hat seinen Eingang auf der Marktseite unter der Renaissancelaube.
Der Bürgerschaftssaal bekam schon einmal Besuch von Kaiser Wilhelm II. , der feierlich den Elbe-Trave-Kanal in Lübeck einweihte, seitdem ist auch dieser öfter umgebaut.

Die Türen zum ehemaligen Gerichtssaal im Erdgeschoss sind übrigens verschieden hoch. Freigesprochene Angeklagte durften das Gericht durch die hohe Tür verlassen, verurteilte Angeklagte mussten durch die niedrige Tür gehen und dabei den Kopf senken.

Sehenswert ist außerdem der Renaissanceerker zur Breiten Straße an der Schmalseite des ersten Laubenvorbaus.

Im Rathaus hängen Gemälde von 65 Bürgermeistern der insgesamt bis jetzt 227 Bürgermeister die Lübeck regiert haben. 
Die würdig dargestellten Gemälde zeigen die Ratsherren oder Bürgermeister meist mit großen Schlüsseln und anderen Symbolgegenständen in den Händen. 

Unter anderem hängt auch das von Michael Conrad Hirt geschaffene Portrait des Heinrich Köhler in der Bürgermeistergalerie des Lübecker Rathauses.
Zum mahnenden Gedenken hängt eine bronzene Erinnerungstafel am Eingang des Bürgerschaftssaales:  Für die Bürgerschaftsmitglieder Erich Klann (KPD) † 6. Dezember 1948 in Lübeck Nach 1945 wurde er in Lübeck Leiter des Arbeitsamtes und Stadtpräsident. Er starb an den Folgen der Haft.im KZ Sachsenhausen, Dr. Julius Leber (SPD) † 5. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee, in einem Schauprozess vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt , Dr. Moritz Neumark (DDP, DVP, HVB), deutscher Industrieller jüdischer Herkunft, Er prägte von 1905 bis 1934 die Geschichte der ehemaligen Hochofenwerk Lübeck AG im Stadtteil Herrenwyk, die Anteile seiner Familie gingen nach und nach an den Flick-Konzern,  1942 wurde er mit seiner Frau in das so genannte Altersghetto des KZ Theresienstadt deportiert, wo er am 25. Februar 1943 starb. , Egon Nickel (KPD) Nach drei Jahren im Zuchthaus wurde er 1938 im KZ Sachsenhausen in sogenannte Schutzhaft genommen. Er starb bei einem Bombenräumkommando am 28. März 1941, Karl Ross (KPD) †13. Januar 1945 im KZ Neuengamme), Paul Steen (KPD) von den Nationalsozialisten wurde er 1933 verhaftet, ging in Spanien in den Untergrund fiel 1938 als Politkommissar einer Brigade und Johannes Stelling (SPD) † in der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1933 im Zuge der Köpenicker Blutwoche in Berlin.

 

 

 

 

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