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Das Wrack in der Ostsee - Die Graf Zeppelin

Hatte das Sonarsuchschiff Santa Barbara am 12. Juli 2006 tatsächlich einen deutschen Flugzeugträger entdeckt und was hatte die Hitzler Werft in Lauenburg damit zu tun? 

Ja, das war das Typschiff der Graf-Zeppelin-Klasse, aber immer der Reihe nach.
Ein Flugzeugträger ist ein Kriegsschiff, auf dem Militärflugzeuge starten und landen können und davon gibt es nicht viele.
Die heute im Einsatz befindlichen Flugzeugträger bilden den Kern einer Trägerkampfgruppe. Mit ihrer Hilfe kann ein Staat weltweit militärisch handeln, auch ohne Stützpunkte im Konfliktgebiet zu unterhalten. Moderne große Flugzeugträger (Flottenflugzeugträger) mit einer Verdrängung von über 75.000 tn.l. werden manchmal auch „Supercarrier“ genannt und heute haben die USA die meisten davon.

By GeorgHH (Self-photographed) [Public domain], via Wikimedia Commons

Foto oben: Der britische Flugzeugträger HMS Ark Royal während seines Aufenthalts im Hamburger Hafen vom 30.05.-03.06.2007.

Der erste Start eines Flugzeugs von einem Schiff fand Ende 1910 in den Vereinigten Staaten statt.
Die Briten bauten 1917 einen Kreuzer um, die HMS Furious. Dieser besaß dann ein knapp 70 Meter langes Flugdeck vor den Schiffsaufbauten, auf dem Flugzeuge starten, aber nicht landen konnten. Die Maschinen mussten daher auf dem Wasser landen und gingen größtenteils dabei verloren. Von diesem Flugzeugträger ging der erste Luftangriff von Bord eines Schiffes aus; die beiden deutschen Zeppelinhallen in Tondern wurden erfolgreich angegriffen und zerstört. Dies beflügelte alle großen Marinen sich mit Flugzeugträgern auseinanderzusetzen. Nach dem Ersten Weltkrieg unterlagen wir aber einem Verbot des Baues solcher großer Schiffe durch den Versailler Vertrag 1919. Nach den Verträgen von Locarno (Oktober 1925) hatten die Siegermächte die Überwachung dieser Punkte eingestellt.
Trotz des Aufrüstungsverbotes vom Versailler Vertrag wurde von der Reichsregierung Papen am 15. November 1932 im Aufbauprogramm für die Reichsmarine auch ein Flugzeugträger vorgesehen. 
Das deutsch-britische Flottenabkommen von 1935 für den Bereich Kriegsschiffe ersetzte den Friedensvertrag von Versailles und der Weg war frei für den Bau von Flugzeugträgern. Die Briten erlaubten in diesem Vertrag Deutschland jeweils 35 % von jeder Kriegsschiffskategorie ihrer Flotte zu bauen. Damit waren zwei Flugzeugträger der Größe der Graf-Zeppelin-Klasse möglich. Bis hier fehlte aber jede deutsche Erfahrung im Bau solcher Superschiffe, angedacht war  eine Größe von 23.000 tn,l. 

So nahm dann im  April 1934 eine Arbeitsgruppe unter dem Diplomingenieur Wilhelm Hadeler die Entwurfsarbeiten auf.
Wilhelm Hadeler (* 12. November 1897 in Lauenburg; † in Berlin) war der geeignete Mann. Nachdem er 1917 sein Abitur gemacht hatte, war er im Anschluss bei der noch heute aktiven  Schiffswerft und Maschinenfabrik J. G. Hitzler in Lauenburg tätig und leistete seinen Wehrdienst ab. Der Schiffbau fesselte ihn, so studierte er vom Herbst 1920 bis zum März 1925  an der Technischen Universität Berlin/Charlottenburg und legte die Diplomprüfung als Schiffbauer ab.
Für die nächsten neun Jahre betätigte er sich als Assistent für Kriegsschiffbau an dieser Universität, um dann im Konstruktionsamt der deutschen Kriegsmarine den Entwurf für die Graf-Zeppelin-Klasse zu erarbeiten. Die Baupläne basierten zunächst auf die britischen Träger der Courageous-Klasse. Zusätzlich suchte man den Erfahrungsaustausch mit Japan. Ernst-August Roth reiste dazu 1935 mit einer deutschen Studienkommission nach Japan. 
Heraus kam letztendlich ein Bauplan für einen Träger mit leistungsfähigen Flugzeugkatapulten. Geplant war die Verwendung von drei Flugzeugtypen  – Torpedobombern/Aufklärern, Sturzkampfbombern und Jägern – 
Viel zu gering war die Zahl der Jäger an Bord. Um mehr Bomber auf den Flugzeugträgern unterzubringen, verzichtete man auf eine ausreichende Anzahl Jagdflugzeuge.

An Flugzeugen waren vorgesehen:
1939: 
20 Fieseler Fi 167 als Torpedobomber und Aufklärer
13 Junkers Ju 87 C als Sturzkampfbomber
10 Messerschmitt Bf 109 T als Jagdflugzeuge
1942: 
28 Junkers Ju 87 E als Stuka, Torpedobomber und Aufklärer
15 Messerschmitt Me 155 A als Jagdflugzeuge
Vergleichbare amerikanische und japanische Träger, wie zum Beispiel die japanische Zuikaku und die amerikanische Enterprise trugen doppelt so viele Maschinen. Allerdings befanden sich auf den britischen Flugzeugträgern der Courageous-Klasse auch nicht mehr Maschinen, als für die Graf Zeppelin-Klasse vorgesehen war.

Die restlichen Daten zeugten auch von einem größeren Wurf. 262 Meter lang sollte die Graf Zeppelin werden, 1760 Mann Besatzung bekommen, viele Dutzend Flakgeschütze, 200 000 PS Maschinenleistung, Höchstgeschwindigkeit 33,8 Knoten (vergleichbar mit 63 kmh).
Mit der Auftragsvergabe für den Flugzeugträger A im November 1935 war Wilhelm Hadeler für die Konstruktion und Bauüberwachung zuständig, gleichzeitig sollten Pläne für einen zweiten Träger geliefert werden.
Auf der Kieler Werft Deutsche Werke Kiel AG, einer Vorgängerwerft der Howaldtswerke Deutsche Werft (HDW) bzw. seit Ende 2012 in ThyssenKrupp Marine Systems GmbH (TKMS) umbenannt, fand der feierliche Stapellauf am 8. Dezember 1938 statt.
Die große Werft hatte damals sechs Trockendocks, vier Schwimmdocks und vier Schwimmkräne mit bis zu 150 t Hebefähigkeit sowie zusätzlich ein marineeigenes großes Schwimmdock für Schiffe bis 50.000 Tonnen. Von den drei Helgen für den Schiffsneubau waren zwei für größte Schiffe geeignet.
Der Führer Adolf Hitler war angereist, getauft wurde das Schiff von Hella von Brandenstein-Zeppelin, der Tochter des Grafen Zeppelin.  Die Taufrede hielt Hermann Göring. Dieser ließ in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Luftwaffe durchblicken, dass die Marine das Schiff zwar fahren könne, die Luftwaffe aber für die Fliegerei verantwortlich sein solle. In den Augen der Marine, ging dies so ja nun garnicht.

Im Sommer 1939 legte Hadeler erfolgreich die Prüfung zum Schiffbaumeister ab. Als am 1. September mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann war der Träger aber immer noch nicht fertig. Die Werften sollten sich auf den Bau von U-Booten konzentrieren, der Weiterbau des Trägers wurde zunächst verlangsamt und im Juni 1940 gestoppt. Als Liegeplatz für zwei Flugzeugträger wurde in Bremerhaven der Nordhafen gebaut. Die Flugzeuge sollten auf der anderen Weserseite gewartet werden. Die als Bauernhäuser getarnten Gebäude stehen noch heute. Der zweite Träger sollte bei der  Friedrich Krupp Germaniawerft AG in Kiel entstehen, wurde aber noch auf der Helling wieder abgebrochen.
Im November 1939 endeten Hadelers Aufgaben am Bau des Flugzeugträgers Graf Zeppelin und er wurde in Folge Direktor der Marinewerften Kiel und Wilhelmshaven und des Arsenals Gotenhafen. 
1942 wurde weitergebaut, der Rumpf erhielt außen in der Wasserlinie Torpedowulste, die mit zusätzlichen Treibstoffbunkern versehen waren. Die Turbinenanlage des Schiffes wurde für die Inbetriebnahme vorbereitet. 
16 Dampfkessel, 4 Satz BBC-Getriebeturbinen, 2 Ruder,  Propeller 4 vierflügelig ⌀ 4,4 m
Vom August 1942 bis zum Frühjahr 1943 übernahm Wilhelm Hadeler bei den Deutschen Werken in Kiel wieder die Leitung der Bauaufsicht des Flugzeugträgers.
Der israelische Geheimdienst will erfahren haben, das bis 1941 schon 76,7 Mio Reichsmark in das Projekt geflossen sein sollen. Außerdem waren im Verlauf des Zweiten Weltkrieges in den Standorten Kiel und Friedrichsort über 2.500 Zwangsarbeiter in den Rüstungsbetrieben eingesetzt worden. Sie waren in verschiedenen Barackenlagern im Kieler Umland untergebracht.
Das Kompetenzgerangel und ein Führerbefehl beendeten Anfang 1943 dann das ehrgeizige Projekt. 1943-44 diente Wilhelm Haderer als Ratgeber für das Oberkommando der Kriegsmarine. 1945 war er Lehrer für Schiffbau in Flensburg-Mürwick. 

Am 21. April 1943 wurde der zu über 90 % fertiggestellte Flugzeugträger nach Stettin geschleppt, zeitweilig zur Lagerung von Edelhölzern verwendet und zuletzt in einem Seitenarm der Oder aufbewahrt. An seinem neuen Liegeplatz nutzte man die Graf Zeppelin als Ersatzteillieferant für andere Kriegsschiffe der Kriegsmarine.
Die Sowjets rückten zum Ende des Krieges immer näher und es wurden am 25. April 1945 Löcher in den Rumpf gesprengt, so dass die Graf Zeppelin auf den Grund sank. Im März 1947 wurde der Rumpf dann von den Russen gehoben und diente als Wohnschiff für eine Spezialabteilung der Roten Armee. Man wertete Konstruktionsunterlagen des Trägers und anderer Beuteschiffe aus. Später testete man Bombenflugzeuge und Sprengladungen am Rumpf, um zu ergründen, wie diese am wirksamsten zu bekämpfen seien.

Am 18. Juni 1947 wurde während der Kampfmittelversuche am Träger kurz vor einem Sturm die Vertäuung gelöst, um einem Reißen der Leinen und einem Stranden des Schiffes zuvorzukommen. Man versenkte das Schiff anschließend mit zwei Torpedos 30 Seemeilen nördlich vor Władysławowoin. Das liegt in der historischen Landschaft Westpreußen, in Kaschubien.
Bei seinem Ausscheiden aus der Kriegsmarine 1945 hatte Wilhelm Hadeler den Dienstgrad Marineroberbaurat.
Nach dem Krieg arbeitete er weiter in der Industrie. Vom Herbst 1956 bis Herbst 1962 war er in der Bundesmarine in Flensburgwieder als Lehrer für Schiffbau an der Marineschule Mürwik tätig.

Ein Sonarsuchschiff, die Santa Barbara entdeckte am 12. Juli 2006 bei einer Forschungsfahrt das Wrack der Graf Zeppelin in 80 Metern Tiefe in der Nähe der Ölplattform B3. Nachdem die Identität zweifelsfrei erkannt wurde, gab das  Bundesverteidigungsministerium bekannt, dass die Regierung der Russischen Föderation als Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion für das Wrack zuständig sei und begründete dies damit, dass das Schiff der damaligen Sowjetunion als Kriegsbeute am Kriegsende zugesprochen wurde.
Aus den Erkenntnissen im Zweiten Weltkrieg resultierten zwei entscheidend wichtige Verbesserungen bei Flugzeugträgern. Man verwendet jetzt ein Winkeldeck, damit der Start- und Landebetrieb gleichzeitig möglich ist  und landende Flugzeuge beim Verfehlen der Fangseile durchstarten können. Außerdem werden die Dampfkatapulte immer leistungsfähiger. 
Die zur Zeit größten Flugzeugträger der Welt sind die amerikanischen Träger der Nimitz-Klasse mit einer Verdrängung von knapp 100.000 Tonnen. Es wurden zehn Stück gebaut die durch die neue Gerald-R.-Ford-Klasse ersetzt werden. 
Das Typschiff die USS Gerald R. Ford (CVN-78) wurde am 22. Juli 2017 in Dienst gestellt. (Verdrängung 100.000 ts, 337,1 m Lüa)
Aktuell plant Großbritannien den Bau von zwei neuen Flugzeugträgern, die die größten jemals gebauten europäischen Kriegsschiffe werden sollen (Queen-Elizabeth-Klasse). Die Indienststellung der Träger ist für 2020 geplant. Inzwischen hat auch Frankreich sein Interesse an diesem Projekt bekundet, um eventuell die zehn Jahre alte Charles de Gaulle durch einen Träger dieser Bauart zu ergänzen.