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Die Fleete - Hamburgs ehemalige Lebensadern

In Hamburg werden die schiffbaren Kanäle als „Fleete“ bezeichnet. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sie die Lebensadern für den innerstädtischen Warenumschlag. 

 

Das Prinzip war denkbar einfach: Die Schuten und Ewer machten direkt an den fleetseitigen Speichern fest, in deren Giebeln sich auskragende Winden befanden. Mit deren Hilfe konnte die Ladung in alle Geschosse gehievt werden. Ursprünglich steht die Bezeichnung Fleet oder Fleth für natürliche Wasserläufe im Marschland und findet sich dann auch in Ortsbezeichnungen wieder wie Wewelsfleth, Borsfleth usw. Das erste dann aber künstlich entstandene Fleet für Hamburg entwickelte sich um das Jahr 820 aus einem Schutzgraben, der von der Alster abgezweigt wurde, damit er die mittelalterliche „Hammaburg umflösse“. Die dadurch entstandene Insel wurde eingedeicht und nach der Zerstörung diesen Teils der Hammaburg mit Häusern bebaut, die über das Fleet mit Waren versorgt werden konnten. Etwas weiter südlich schloss sich seit Beginn des 12. Jahrhunderts ein zweites Ringfleet an, das die Insel „Grimm“ bildete. Als dann auch das Gebiet mit dem Namen „Cremon“ von einem ringförmigen Fleet umgeben war, hatte sich die für Hamburgs Altstadtgrundriss typische Parzellierung in dammgesäumte Inseln durchgesetzt. Hinter den Schutzdeichen entstanden zunächst Bauernkaten, die aber bereits über angeschlossene Speicher verfügten. Für Versorgung und Handel benutzte man kleine Schiffe, die beim Anlanden den Deichhang einfach hinaufgezogen wurden, um sie be- oder entladen zu können.

Nicolaifleet Hamburg
Nicolaifleet Hamburg

Bald entwickelten sich von diesem Fleetring aus immer mehr schiffbare Gräben, auf denen Waren zu den neu entstandenen Häusern transportiert wurden. Da die Alster dieses stark erweiterte Fleetsystem schließlich nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgen konnte, verhinderte man die Versumpfung durch die Anlage eines Kanals, der Wasser aus der Bille zuführte.   
Um auch ohne Schiff trockenen Fußes durch die Stadt gelangen zu können, wurden über die Fleete immer mehr Brücken gebaut, die sich wiederum als Hindernisse für den Schiffsverkehr erwiesen. Daher entwickelte sich das verbreiterte Flussbett der Alster unterhalb der heutigen Trostbrücke vom späten 12. Jahrhundert an zur Keimzelle des Hamburger Hafens. An dieser Hauptanlegestelle für größere Schiffe entstand 1290 das Rathaus, 1577 bis 1583 die hölzerne Börse, wenig später die städtische Waage und die im Jahr 1619 gegründete Hamburger Bank.
Heute hat Hamburg mit 2.500 Brücken-Bauwerken mehr Brücken als jede andere europäische Großstadt im 20. Jahrhundert. Damit hat Hamburg mehr als Venedig und Amsterdam zusammen.
Deswegen widmete das Museum für Arbeit den Brücken Hamburgs bereits vom 17. Juli 2009 bis zum 3. Januar 2010 Brücken eine ganze Ausstellung.
Hamburg hat sich damit die Bezeichnung

Venedig des Nordens 

verdient.
Als Seestadt konnte Hamburg das konkurrierende Stade bald überflügeln und weitreichende Handelsbeziehungen zunächst im Nordseeraum aufbauen. Im Mittelalter unterhielten Hamburger Kaufleute unter anderem mit Amsterdam, Stavoren, Utrecht, Dordrecht und Gent lebhafte Geschäftsverbindungen. Das Volumen überstieg bald das von Lübeck, dem Haupt der Hanse.

ältestes Haus Hamburgs
ältestes Haus Hamburgs

Wichtigster Exportartikel war das Bier, von dem Hamburg sogar mehr als die für seine Brauereien berühmte Hansestadt Bremen zu produzieren und liefern imstande war. Mit dem steigenden Bierexport fanden auch zahlreiche Böttcher Arbeit, die sich in der Nähe der Brauereien an den Fleeten niederließen. 
Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Alster als Hafenbecken für den Seehandel zu eng. Deshalb entstanden der Nieder- und der Oberhafen, 1866 mit dem Sandtorhafen erst tideunabhängig. 
Im älteren Bereich der Norderelbe legten Überseeschiffe an den Dalben an und luden ihre Waren in Schuten, die, da sie keine Masten hatten, als flache Ladekähne problemlos im innerstädtischen Fleetsystem verkehren konnten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts drängelten sich etwa 6000 Schuten durch die engen Hamburger Fleete.
Die Tide bereitete den Schiffsführern arge Probleme. Bei Niedrigwasser lagen die Ewer und Schuten bewegungsunfähig im Schlick, und wenn die Flut zu stark angestiegen war, passten sie nicht mehr unter den Brückenbogen hindurch. Ein ärgerliches Hindernis bildeten auch die Akzise- und Zollverordnungen der Stadt. Akzisen, eine Verbrauchssteuer, ein Binnenzoll wurden auf Grundnahrungsmittel (zum Beispiel Roggen, Weizen, Hopfen oder anderes Getreide beziehungsweise Mehl), auf Lebensmittel (Zucker, Salz, Fett, Fleisch), Genussmittel (Tabak, Kaffee, Tee, Bier, Sekt), auf Vieh oder auf den sonstigen Verbrauch erhoben.
Hatten die Schuten ihre Ladung von den im Niederhafen vor Anker liegenden Seeschiffen in Empfang genommen, lauerten auf dem Weg zu den Kaufmannshäusern die Steuereinnehmer im „Blockhaus“. Ein zweites Akzisehäuschen wachte über den Warenverkehr im Oberhafen. Wie die Häuschen an den Stadttoren der Hamburger Ausfallstraßen dienten solche Gebäude an den Einfahrten zum Alsterhafen und zu dem innerstädtischen Fleetsystem als Anlaufstationen für die Entrichtung einer Verbrauchsgütersteuer für eingeführte Waren, hier beispielsweise speziell Brennmaterial, Kalk, Spirituosen, Mehl und Fleischwaren.
Bis zum großen Brand von 1842 befanden sich die Fleete als Warentransportwege gegenüber den Straßen im Vorteil. Beim Wiederaufbau bereitete die Anlage von breiten Straßen jedoch das Ende der Fleete vor. Als dann mit dem Freihafen die Speicherstadt als wichtigster und leichter zugänglicher Lagerplatz entstand, wurde der Schiffsverkehr auf den Fleeten überflüssig, so dass man viele von ihnen nach und nach zuschüttete. Von den 29 Fleeten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts Hamburg sein vielgerühmtes venezianisches Ambiente verliehen, existieren heute nur noch 14.
Sehenswert ist heute besonders das Nikolaifleet mit der Deichstraße, hier begann 1188 die Entwicklung des Hamburger Hafens.
Wer mehr über Akzise- und Zoll kennenlernen möchte, oder wer das Schmuggelunwesen kennenlernen möchte besucht am besten Das deutsche Zollmuseum.