Gerhard Marcks und der Schmerzensmann

Gerhard Marcks, am 18. Februar 1889 in Berlin geboren, gilt neben Wilhelm Lehmbruck (* 4. Januar 1881 in Meiderich bei Duisburg; † 25. März 1919 in Berlin) und Ernst Barlach (* 2. Januar 1870 in Wedel; † 24. Oktober 1938 in Rostock) als einer der bedeutendsten Repräsentanten figürlicher deutscher Plastik im 20. Jahrhundert. 1912–1913 befindet er sich als Einjährig-Freiwilliger zur militärischen Ausbildung beim Infanterie-Regiment „Lübeck“ (3. Hanseatisches) Nr. 162 in Lübeck. 

Nach seinen Anfängen als Tierbildhauer in der Berliner Tradition des Klassizismus findet er bald Anschluss an die - gegen den Historismus gerichtete - Erneuerungsbewegung in der Skulptur, die ihre wesentlichen Impulse dem französischen Bildhauer August Rodin verdankt. Das durch Unmittelbarkeit in der Wiedergabe der Naturbeobachtung und eine malerische Oberflächenbehandlung gekennzeichnete Frühwerk wird durch den Ersten Weltkrieg abrupt unterbrochen. Als Schwerkranker kehrt Marcks bereits 1915 zurück.
1919 beauftragt in Walter Gropius (* 18. Mai 1883 in Berlin; † 5. Juli 1969 in Boston, Massachusetts), der Gründer des Staatlichen Bauhauses in Weimar, mit der Leitung der Bauhaus-Töpferei in Dornburg im Norden des Saale-Holzland-Kreises. Die Figuren und Reliefs aus Holz und Terrakotta, selten aus Metall, die Marcks als Bauhaus-Meister neben der Keramik gestaltet, sind geprägt durch die Suche nach elementaren, "reinen" Formen und plastischen Zeichen; sie lassen deutlich den Einfluss expressionistischen Gedankengutes und die Auseinandersetzung mit der Kunst des Mittelalters sowie der Kulturen der Naturvölker erkennen.

Innerhalb seines umfangreichen druckgraphischen Werkes sind diese Jahre bis 1925 wohl als seine bedeutendste Werkperiode zu bezeichnen. Angeregt durch Lyonel Feininger (* 17. Juli 1871 in New York; † 13. Januar 1956 ebenda) hält er in Holzschnitten die Landschaft, Genreszenen und die bäuerliche Arbeitswelt fest.
1921 entsteht der in seinen Gestaltungselementen besonders charakteristische Holzschnitt "Katzen im Dachboden".


1925 übernimmt Marcks die Leitung der Bildhauerklasse an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein bei Halle an der Saale. Es entstehen erstmals schwere, elementare, kubische Steinfiguren von großer Intensität und Ausdruckskraft sowie monumentale Bronzen.
Entscheidende für seine gewandelte Auffassung von Figürlichkeit ist seine erste Griechenlandreise von 1928 (Villa-Romana-Preis). Sie wird zum Schlüsselerlebnis für sein gesamtes weiteres Schaffen, aus dem kein akademischer Klassizismus, sondern eine lebendige, aber dennoch abgeklärte und zum wesentlichen verdichtete Naturinterpretation erwächst.
Marcks findet breite Anerkennung, wird jedoch 1933 von den Nationalsozialisten entlassen; einige Werke sind auf der Ausstellung "Entartete Kunst" von 1939 in München zu sehen.

Reichsminister Dr. Goebbels auf der Ausstellung "Entartete Kunst" Am Sonntag mittag besuchte der Reichsminister die Ausstellung im "Haus der Kunst". Rechts vom Reichsminister (mit Brille) der Ausstellungsleiter Pistauer. Links zwei Gemälde von Emil Nolde, rechts eine Skulptur von Gerhard Marcks: Heiliger Georg Fot.: Ste. 27.2.38

Mit seiner Frau und seinen fünf Kindern lebt er zurückgezogen an der Ostsee in Niehagen (Boddenweg 1) ein Ortsteil der Gemeinde Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, ab 1937 auch wieder in Berlin. Ausstellungsbehinderungen und -verbote bedrohen seine Existenz. 1943 fällt der älteste Sohn, Haus und Atelier in Berlin werden zerbombt. Zahlreiche ausgelagerte Werke werden 1945 zerstört.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernimmt Marcks für einige Jahre eine Professur an der Landeskunstschule in Hamburg, bis er sich 1950 endgültig in Köln-Müngersdorf niederlässt. Fast 60jährig beginnt er noch einmal ein neues Werk aufzubauen. Als einer der großen Altmeister der figürlichen Skulptur wird er mit öffentlichen Aufträgen überhäuft. Vor allem wird er einer der wichtigsten Gestalter der zentralen Mahn- und Gedächtnismale für die Opfer des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Es seien nur die Gedenkstätten in Hamburg Ohlsdorf, am Mahnmal St. Nicolai, in Köln, Mannheim, Bochum und Osnabrück genannt. Die Bewahrung des Menschenbildes bleibt ihm trotz oder vielmehr gerade wegen der Erfahrung zweier Weltkriege oberstes Postulat.
Die Siegermedaillen der Olympischen Sommerspiele 1972 von München wurden auf der Rückseite von ihm gestaltet. Er wählte als Abbildung die antiken Halbbrüder Kastor und Polydeukes, die bei den Griechen als Schutzpatrone der Kampfspiele und Freundschaft galten.
Arbeiten von ihm sind unter anderem im Lübecker Behnhaus, in der Hamburger Kunsthalle und im Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schleswig zu sehen.
Die Heilige-Dreieinigkeits-Kirche, oft auch St.-Georgs-Kirche genannt, steht im Hamburger Stadtteil St. Georg unweit der Langen Reihe. Hier steht neben dem Turm auch die von Gerhard Marcks im Jahre 1958 geschaffene Reiterstatue des Heiligen Georg, die ihn als Drachentöter zeigt und die zu einem Wahrzeichen des Stadtteils geworden ist.

Eine besondere Rolle spielte er auch bei den Nischenfiguren „Gemeinschaft der Heiligen“ an der Westfront der Katharinenkirche, Lübeck. 1929 begann sein Freund Ernst Barlach auf Anregung des Lübecker Museumsdirektors Carl Georg Heise mit den Entwürfen für ein Skulpturenensemble. Besonders der Bettler wurde bekannt. Heise, der 1933 entlassen wurde, gelang es im Februar 1936, die Figuren als Privatbesitz vor einer Auslieferung als Entartete Kunst nach Berlin zu verstecken und damit zu retten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten sie 1947 von dem Lübecker Museumsdirektor Hans Arnold Gräbke in ihren vorgesehenen Nischen der Fassade aufgestellt werden. Gerhard Marcks, der schon 1932 einen ersten eigenen Entwurf angefertigt hatte, vollendete den Fries in eigenen Formen mit den Figuren: Christus als Schmerzensmann, Brandstifter, Jungfrau, Mutter und Kind, Kassandra und Prophet. Diese Figuren wurden am 18. Februar 1949, dem 60. Geburtstag von Marcks, in ihren Nischen aufgestellt. Ein Zweitstück des Schmerzensmanns kaufte Heise für die Hamburger Kunsthalle.
Der Schmerzensmann ist die Figur mittig zwischen den hohen Fenstern.

Marcks wird durch zahlreiche Ausstellungen, Preise und Auszeichnungen geehrt (u.a. Orden pour le mérite 1952, Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen 1954, Großes Bundesverdienstkreuz 1959, Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband 1964).
Die Anerkennung gilt nicht nur seinem plastischen, sondern auch graphischem Werk; der Zeichner Marcks ist gleichwertig neben dem Bildhauer zu sehen.
1971, also noch zu Lebzeiten, wird in Bremen eine Stiftung ins Leben gerufen, die sein künstlerisches Erbe betreut und in einem Ausstellungsgebäude (Gerhard-Marcks-Haus  Am Wall 208, 28195 Bremen) zugänglich macht. Auch sein Haus in Niehagen/Ahrenshoop ist hergerichtet (Gerhard-Marcks-Weg 5, 18347 Ahrenshoop). Auf seiner Homepage steht sehr zutreffend:  Das 5.500 m² große, zum Bodden hin naturbelassene Grundstück bietet viel Platz, um die Ruhe dieses Landstrichs zu genießen und fern der Alltagshektik entspannt die Seele baumeln zu lassen, wenn am Horizont die Zeesboote über das Wasser gleiten und die Islandpferde des Nachbarn den Rasenmäher ersetzen.
Am 13. November 1981 stirbt Gerhard Marcks in Burgbrohl/Eifel.

 

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