Das Testament von Emil Possehl

Der Unternehmer, Stifter und Senator Emil Possehl (* 13. Februar 1850 in Lübeck; † 4. Februar 1919 ebenda) will gestalten - und er hat klare Vorstellungen von effektiver Arbeit. Zielstrebig nutzt er seine politische Stellung und sein Vermögen, um Einfluss zu nehmen. Als 1904 das Theater an der Beckergrube schließen muss, weil es den modernen Feuerschutzverordnungen nicht mehr entspricht, wird in der Politik eine Standort-Debatte losgetreten, der Possehl ein mäzenatisches Ende setzt:

In seinem legendären "Theaterbrief" verspricht er finanzielle Hilfe "für den Fall, dass bis zum 31. Dezember 1905 ein Bürgerschaftsbeschluss zustande kommt". Im Oktober 1908 wird ein neues Theater eröffnet.
Das Vermächtnis Emil Possehls trägt überreich Früchte. Ohne seine Stiftung wäre heute in Lübeck vieles nicht zu verwirklichen, könnte manches Vorhaben zur Erhaltung des Stadtbildes nicht in die Tat umgesetzt werden, scheiterte manche Initiative, weil es am Geld mangelt. In seinem 1915 - vier Jahre vor seinem Tod - aufgesetzten Testament verfügte Emil Possehl: "Mein größter Wunsch ist es, daß die Früchte meines Unternehmens meiner geliebten Vaterstadt, der Freien und Hansestadt Lübeck, zu Gute kommen mögen. Sie sollen beitragen, das alte Ansehen Lübecks im deutschen Vaterland zu festigen und zu erhöhen … Sie sollen verwandt werden, das schöne Bild der Stadt zu erhalten und auszugestalten. Sie sollen die Wohlfahrt heben, insbesondere Sorge, Kummer und Not, die der jetzige Weltkrieg hervorgerufen hat, lindern und mindern. Sie sollen helfen, in deutschem Geist alles Schöne und Gute in Lübeck zu fördern."

Mit diesem Testament machte Emil Possehl die Stiftung zur Universalerbin seines Unternehmens. Seitdem am 17. Mai 1919 der Senat die Satzung der Stiftung genehmigte, wirkt sie seit über 100 Jahren im Sinne des Stifters. Sie ist heute eine der finanzstärksten Stiftungen in der Bundesrepublik. Begonnen hat es mit einer kleinen Eisen- und Steinkohlenhandlung in der Beckergrube 40, die Emil Possehls Vater Ludwig seit 1847 betrieb. Emil Possehl machte daraus ein weit über die deutschen Grenzen hinaus aktives Unternehmen. Er ließ in Russland in zwei Fabriken Hufnägel produzieren, importierte Eisenerz aus Schweden. Mit den Erz ging er ein großes Wagnis ein, denn es war wegen seines hohen Gehalts von Phospor wenig gefragt. Erst als 1877 der Engländer Sidney Gilchrist Thomas (* 16. April 1850 in Canonbury (London); † 1. Februar 1885 in Paris) ein Verfahren entwickelte, auch solche Erze zu Stahl zu verhütten, wurden die schwedischen Lager interessant. Possehl hat das mit sicherem Blick erkannt. Die neue Technik und der Bau der Ofotenbahn von der Küste bis zu den Lagerstätten im schwedischen Lappland ließen die Kalkulationen Possehls aufgehen. Er hatte sich für den Bau dieser nördlichsten Eisenbahn massiv eingesetzt und erntete die Früchte. Erz für 1,3 Mrd. DM führten die Schweden aus und machten Possehl zum Millionär.

2019 berichtet die L. Possehl & Co. mbH von einem Umsatz aller ihrer Unternehmungen in Höhe von 4,14 Mrd. €. In aktuell mehr als 200 Gesellschaften beschäftigt man weltweit rund 13.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon mehr als die Hälfte in Deutschland.

Das Rückgrat des Unternehmens ist zwar immer noch der Handel mit Erzen und Brennstoffen, aber die Aktivitäten haben sich längst ausgeweitet bis zum Auto- und Sanitärhandel, Reifentechnik und Elektronik. Dienstleistungen kamen hinzu. Possehl betreibt Reedereien, bietet Versicherungen und Datenverarbeitung an.
Das Leben des am 13. Februar 1850 als Sohn der Mathilde von Melle und Ludwig Joachim Heinrich Possehl geborenen Johannes Ludwig Emil Possehl ist gekennzeichnet von Erfolgen, die ihre Wurzeln in Wagemut, Einsatz und nüchternem Kalkül haben. "Widersprüchlich" nannte Robert Knüppel (* 27. März 1931 in Kiel), eine Zeit lang Vorsitzender des Stiftungsvorstandes und von 1976 bis 1988 Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, das Bild des Mannes, der schon zu Lebzeiten zur Legende wurde: "Einerseits sei er den Sorgen und Nöten seiner Mitarbeiter gegenüber sehr aufgeschlossen gewesen, andererseits sei er im Umgang schroff und unnahbar erschienen. Obgleich er vielfacher Millionär war, lebte er einfach, gönnte sich wenig Bequemlichkeit und sah sie auch bei seinen Mitarbeitern nicht gern. Einerseits fand er das kleinstädtische, würdevolle Lübeck eng und energielos, der fehlende Tatendrang reizte und empörte ihn, andererseits weigerte er sich, Lübeck den Rücken zu kehren, weil er die Stadt mit ihren im verglühenden Abendlicht leuchtenden Türmen über alles liebte."
Er war Mitgründer des lokalen Industrievereins, tatkräftiger Befürworter des 1900 fertiggestellten Elbe-Trave-Kanals, auf der Grundsteinlegung des Kanals am 31. Mai 1895 beschlug er mit dem silbernen Hammer nach Senator Alfred Stooß und vor Friedrich Eduard Schacht den Granitstein.
Er war ein Patriot, der seine Stadt liebte und das Land, in dem er lebte. Es erschütterte ihn zutiefst, vor Gericht um seinen guten Namen streiten zu müssen. Er wurde angeklagt, mit dem Feind Handel getrieben zu haben. Ein Jahr lang befand er sich formell in Untersuchungshaft, in einem Hotel in Hamburg. Konkreter Vorwurf: Das zu Possehl gehörende schwedische Stahlwerk Fagersta sollte nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges Röhrenstahl nach Japan geliefert haben. Der Prozess endete mit einem Freispruch durch das Reichsgericht in Leipzig. Dennoch konnte er die Schmach nicht überwinden. Der verlorene Krieg ließ sein Weltbild vollends einstürzen. 

Nachdem er verstarb entschied der Lübecker Senat seiner Familie ein Mausoleum auf dem Burgtorfriedhof zu errichten. 
Zum Gedächtnis an ihn legte der Senat außerdem dem Straßengelände des alten Bahndammes, Holstentor–Geniner Straße, am 4. Februar 1920 den Namen „Possehlstraße“ bei.
2005 wurde die u. a. aus der Gewerbeschule III neben der St. Matthäi-Kirche aus der Schwartauer Allee neuentstandene Schule nach ihm, einem der bedeutendsten Söhne der Stadt, benannt

 

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