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Der Priwall, die "Fliegerische Drehscheibe des Nordens" und die Lübecker Luftfahrt

Der Priwall ist eine Halbinsel an der Lübecker Bucht und liegt in Schleswig-Holstein. Die Halbinsel hat einen Umfang von ca. 8 Kilometern und ist zu ca. 96 Prozent vom Wasser umgeben.

Im Norden des Priwall befindet sich die Ostsee, im Westen verläuft die Trave und im Süden befindet sich die Pötenitzer Wiek. Der Ortsteil Priwall gehört zum Lübecker Stadtteil Travemünde. Der Priwall hat ca.1600 Einwohner und nahm aufgrund der deutschen Teilung (1949), mit der Grenze zur Deutschen Demokratischen Republik, ein Inseldasein ein. Man konnte die “Die Insel” nur über das Wasser erreichen. Zwei Priwallfähren sorgen dafür, dass der Priwall schnell erreichbar ist. Die kleinere Fähre verkehrt nur in den Sommermonaten und ist den Fußgängern vorbehalten.

Vor ca. 9000 Jahren war die heutige Travemündung (180 Meter breit) zwischen Travemünde und dem Priwall ca. 2,5 Kilometer breit. Im Laufe der letzten Jahrtausende stieg der Meeresspiegel an und schuf durch die Brandung der Wellen am Brodtener Steilufer strömungsbedingte Erosionen. Der Sand aus dem Abbruch der Küsten bildete den Priwall und ließ nur eine schmale Mündung des Flusses Trave übrig.

Der Priwall wurde 1226 durch Kaiser Friedrich II zum Lübecker Stadtgebiet erklärt. 

Der Priwall ist vor allem im Sommer sehr frequentiert, weil sich auf dem nordöstlichen Teil der Halbinsel ein breiter Sandstrand zum Bad in der Lübecker Bucht befindet.

1847 wurde auf dem Priwall eine Badeanstalt eingerichtet. Ab 1880 erhielt der Priwall einfache Unterkünfte für bedürftige Familien, die der Verein für Ferienkolonien baute. Die Caspar-Werke bauten ab 1914 Wasserflugzeuge und erprobten sie

Ab 1922 wurde es erlaubt, direkt vom Strand aus in der Ostsee zu baden.

Eine Pferderennbahn wurde 1882 gebaut und bis 1934 genutzt. Sie wich 1940 dem Bau eines U-Boot-Hafens, dem heutigen „Passathafen“, der jetzt als Segelboothafen genutzt wird, gleich beim Liegeplatz der Viermastbark Passat.

Anfang des 20. Jahrhunderts landeten und starteten Zeppeline auf dem Priwall, z. B. im Jahr 1931 der LZ 127 Luftschiff Graf Zeppelin. Auf dem Priwall gab es seit 1926 einen Flugplatz der Lufthansa für den Passagierverkehr zu innerdeutschen Zielen und nach Skandinavien, der auch von Wasserflugzeugen genutzt wurde.

Die Reichsluftwaffe beanspruchte 1935 das Gelände für sich. Es gab Linienverkehr in die Ostsee-Anrainerstaaten. Ein schmaler Weg der alten Flughafen-Landebahn mit Betonplatten verläuft auf dem Priwall am Ende des Fliegerweges.

Von 1939 bis 1945 war der Priwall für Zivilisten gesperrt. Im benachbarten Pötenitz sind heute noch die von Küstenwald überwucherten Ruinen des Luftzeugamtes Pötenitz und die dazugehörige Anlegermole in der Pötenitzer Wiek zu sehen.

In den 1930er Jahren wurde auf dem Priwall eine Klinik errichtet, die zunächst vom Militär genutzt wurde. Später kam das während des Zweiten Weltkriegs als Lazarett genutzte Priwall-Krankenhaus mit 124 Betten in kommunale Trägerschaft und wurde in den letzten Jahren des Betriebs von den privaten Sana-Kliniken übernommen. 2004 wurde die Klinik geschlossen und stand ab September 2005 leer. Als Ersatz wurde eine Praxis-Klinik mit Bettenhaus in Travemünde geschaffen. Zwei der Gebäude werden als Magazin für Bestände der Stadtbibliothek Lübeck genutzt.

Während der NS-Zeit befanden sich auf dem Priwall drei Lager für Zwangsarbeiter der Flugerprobungsstelle der Luftwaffe (Erprobungsstelle See). Im Lager I waren 150 ausländische Zwangsarbeiter untergebracht, im Lager II 80 und im Lager III 250 Zwangsarbeiter.

Seit März 2013 steht eine Ferienhaussiedlung auf dem Priwall.

Fliegerische Drehscheibe des Nordens wurde der Flugplatz einst genannt.


 

Das war noch 1928 als 1053 Landungen mit Fracht und Passagieren im Jahr registriert wurden, er trug dann den Titel "Reichsübersee-Flughafen".

Innerhalb von 10 Jahren hatte sich der 1914 eingeweihte Flughafen hier durchgesetzt. Dabei hatte er gegen andere Lübecker Flugplätze zu bestehen, die durchaus günstiger zur Stadt lagen. Als 1906 das erste starre Luftschiff in Lübeck festmachte, da diente noch der Exerzierplatz hinter der Justizvollzugsanstalt Lauerhof als Landeplatz. Seit 1912 wurde in Karlshof an der Travemünder Allee ein Flugplatz eingerichtet. Jetzt ist dort die Sportanlage des FC Phönix. Das Provisorium wurde noch ausgebaut, während auf dem Priwall schon Sand für den neuen Flughafen aufgespült wurde. Karlshof sollte Flugstützpunkt für den "Deutschen Flugverband" werden. Aber die Pläne gingen nicht auf, so wurde das Areal 1919 wieder aufgegeben. Auch der Flughafen Blankensee wurde in dieser Zeit gebaut. Er wurde 1917 als Platz für die militärische Flugausbildung in Betrieb genommen, musste aber nach der Demobilisierung 1919 (Versailler Vertrag) stillgelegt werden. Damit waren die beiden Konkurrenten des Flughafens Priwall aus dem Rennen.

Hier war es stetig aufwärts gegangen. 1912 hatten die Deutschen Flugzeug-Werke (DFW) Leipzig von der Reichsmarine den Auftrag zum Bau von Wasserflugzeugen erhalten. Diese nannte man damals noch Hydroplanen. Auf der Suche nach einer geeigneten Fertigungs- und Erprobungsstelle wurde das Unternehmen hier fündig. Als Ableger der DFW wurde 1914 die "Flugwerft Lübeck Travemünde" im Handelsregister eingetragen. Damit begann eine lange und erfolgreiche Zeit des Flugzeugbaus, unterbrochen nur durch den Versailler Vertrag, der ja auch den Bau von Flugzeugen in Deutschland verbot. Vorübergehend baute man hier dann Möbel.

Der Pächter der Betriebsanlage auf dem Priwall wurde Karl Caspar. Die Caspar-Werke AG wurden 1921 als Nachfolgerin der Hamburger Hanseatischen Flugzeugwerke Karl Caspar AG gegründet, die seit 1918 das ehemalige Fokker-Werk in Lübeck-Travemünde nutzten. Diese Vorgängerfirma wurde schon 1911 durch Karl Caspar gegründet und fusionierte kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit den Brandenburgischen Flugzeugwerken zur Hansa- und Brandenburgische Flugzeugwerke AG (HBF). Karl Caspar kaufte nach dem Ende seines Militärdienstes (er war der Pilot der Maschine die über England die erste Bombe abwarf) seine Anteile zurück, gründete die Firma 1917 in Hamburg neu und benannte sie 1918 in Caspar Werke GmbH um. 1921 wurde dann der in Travemünde-Priwall gelegene Teil der Firma eine eigenständige Flugzeugkonstruktionsfirma. Chefkonstrukteur war zunächst Ernst Heinkel, der unter anderem die Prototypen U1 und U2 eines Flugzeugs mit abnehmbaren Flügeln (zum Transport in U-Booten) entwickelte. 

Die deutsche Luftfahrtindustrie richtete 1929 dann eine Erprobungsstelle hier ein. Das hat die Entwicklung des Flughafens, der seit 1927 von der "Hanseatischen Flughafengesellschaft" geführt wurde, nachhaltig beeinflusst. 1935 wurde ein Teil des Flughafens zur "Erprobungsstelle Luft/See" und damit militärisches Sperrgebiet. 

Im April 1936 nach einer Besprechung bei General Kesselring an der auch General Becker, Wernher von Braun, der bei der SS bis zum Sturmbannführer (28. Juni 1943) aufstieg, Oberstleutnant Richthofen und Walter Dornberger, Generalmajor der deutschen Wehrmacht und im Heereswaffenamt zuständig für das gesamte deutsche Raketenwaffen-Programm teilnahmen, wurde die Heeresversuchsstelle Peenemünde ins Leben gerufen, zunächst als einer Außenstelle der Priwaller Flugerprobungsstelle. 

Von 1937 an war Wernher von Braun der technische Direktor der neuen Heeresversuchsanstalt Peenemünde (HVA). Hier leitete er unter anderem die Entwicklung des Aggregats 4, kurz A4 genannt, einer Großrakete mit Flüssigtreibstoff. Ab 1943 wurde die Rakete anderen Ortes im Reich in Serienfertigung gebaut und nach ihren ersten Einsätzen auf London V2 (Vergeltungswaffe 2) genannt. Das Aggregat 4 war eine der ersten einsatzfähigen Boden-Boden-Raketen mit Flüssigkeitstriebwerk überhaupt.

Bei Interesse für diese Materie ist der Besuch von www.luftfahrtmuseum.com zu empfehlen, dort werden auch die bei Caspar gefertigten Flugzeuge gezeigt: 1927 entstand unter anderem die C 32, eines der weltweit ersten Agrarflugzeuge. Sie konnte 900 kg Schädlingsbekämpfungsmittel (oder chemische Kampfstoffe) versprühen. Mit einer umgebauten C 32 unter dem Namen „Germania“ versuchte Otto Könnecke 1929 die erste Weltumrundung, scheiterte aber mit Motorschaden in Indien. 

Informationen gibt es auch direkt im Historisch-Technischen Museum Peenemünde


 

Eutin